Stromausfall als Druckmittel? Schwere Vorwürfe gegen Vermieter 

„Seit einigen Monaten machen wir eine sehr schwere Zeit durch“, sagt Mojghan G., eine Mutter von fünf minderjährigen Kindern in Witten. Schon mehrfach wurde die private Stromversorgung ihrer Wohnung in einem Gebäudekomplex in der Fußgängerzone unterbrochen. Seit dem 1. Oktober ist die siebenköpfige Familie erneut ohne Licht und Waschmaschine. Den Kühlschrank können sie nur dank der Hilfe einer Nachbarin mit deren Strom betreiben. Die Notleuchten reichen nicht aus. Mehrfach haben sich die Kinder bereits im Dunkeln verletzt.

Der Stromausfall liegt nicht daran, dass die Mieter ihre Stromrechnungen nicht bezahlt hätten. Verantwortlich ist vielmehr die Vermieterin, die Squadron Real Estate GmbH, eine Gesellschaft der Düsseldorfer Dahlheim-Immobilien-Gruppe.

Die Vermieterin sorgt entgegen ihrer Verpflichtung nicht dafür, dass zwischen der Übergabestation der Stadtwerke in der Tiefgarage des Gebäudekomplexes und der Wohnung der Mieter Strom fließt. Die Betroffenen, ihre Freundinnen und Freunde sowie der MieterInnenverein Witten haben den begründeten Verdacht, dass die Dahlheim-Gruppe die Stromunterbrechungen herbeiführt, um die Mieter zur Zahlung rechtlich umstrittener Forderungen oder zum Auszug zu bewegen.

„Als ich am 6. August, einem Donnerstag, meine Tochter in den Kindergarten gebracht hatte, wollte ich um 9 Uhr Wäsche waschen. Aber der Strom ging nicht. Ich dachte erst, es gibt Arbeiten auf der Straße. Aber das war nicht so, und meine Nachbarn hatten Strom“, erinnert sich Frau G.

Vergeblich versuchte sie, die Vermietungsgesellschaft zu erreichen. Sie wandte sich auch an ihren Stromversorger, die Stadtwerke Witten. Diese bestätigten, dass alles bezahlt sei. Es liege nicht an ihnen. Der herbeigerufene MieterInnenverein stellte fest, dass in der Wohnung kein Strom ankam, und forderte Dahlheim zur sofortigen Wiederherstellung der Versorgung auf. Doch weder hierauf noch auf zahlreiche weitere Schreiben des MieterInnenvereins gibt es eine Reaktion.

„Bevor die nicht bezahlt haben, schicken wir keinen Techniker.“

Eine der Unterstützerinnen der Familie ist Agathe Czylwick, die auch in der Frauengruppe Courage aktiv ist. In den Tagen nach dem ersten Stromausfall rief sie immer wieder bei der Dahlheim-Gruppe in Düsseldorf an. „Ich habe gefordert, sofort den Strom wieder anzustellen“, erinnert sich Frau Czylwick. Die anonyme Stimme am anderen Ende der Leitung antwortete nur: „Bevor die nicht bezahlt haben, schicken wir keinen Techniker.“ Zudem drohte sie mit einer Kündigung: „In Duisburg haben wir das auch so gemacht.“

Die vom Vermieter geforderte Zahlung bestand aus ein paar hundert Euro angeblich säumiger Miete, deren Berechtigung der MieterInnenverein bezweifelt. Vor allem aber ging es um eine horrende Nachforderung aus der Betriebskostenabrechnung in Höhe von 2.688,89 Euro. Die Familie hält die Zahlung dieser Nachforderung mit gutem Grund zurück, weil der Vermieter trotz Aufforderung nicht nachweist, dass tatsächlich derart hohe Kosten entstanden sind.
Als der Strom auch nach mehreren Tagen noch nicht wieder lief, zahlte die Familie notgedrungen 500 Euro an Dahlheim. Wenig später lief der Strom wieder. „Ich habe gedacht: Jetzt ist alles gut“, sagte Frau G. „Endlich kann ich für die Kinder wieder waschen.“

Doch nichts war gut. Dahlheim forderte weiterhin horrende Summen, für die es keine Belege gab. Wöchentlich erreichten die Familie Mahnungen und Abmahnungen. Schließlich kündigte der Vermieter fristlos. Zugleich wurden angebliche Zahlungsrückstände der Familie an die Schufa gemeldet, obwohl die Forderungen bestritten wurden. In der Folge konnte Familie G. wegen des negativen Schufa-Eintrags eine geeignete Ersatzwohnung in der Nachbarschaft nicht anmieten.

Strafanzeige gegen den Vermieter

Für den MieterInnenverein war das Fass schon zuvor übergelaufen. Die Wiederherstellung der Stromversorgung nach der Zahlung war für ihn ein eindeutiges Indiz dafür, dass der Vermieter die Stromversorgung manipulieren konnte und die Mieter mit der Stromunterbrechung unter Druck setzte. Der MieterInnenverein hat deshalb Strafanzeige wegen des Verdachts auf Nötigung und Erpressung gestellt. Ob inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet- wurde, ist nicht bekannt.

Die Dahlheim-Gruppe und ihr Hausmeister versuchten, den Verdacht zu entkräften, indem sie behaupteten, die Mieter hätten am Sicherungskasten einen Hauptschalter betätigt. Dafür, dass diese Version nicht stimmen kann, gibt es allerdings mehrere Zeugen.

Der MieterInnenverein machte eine Mietminderung wegen des Stromausfalls geltend. Außerdem forderte er Schadensersatz für die infolge des Stromausfalls gestorbenen Zierfische sowie für die Mehrkosten der Familie.

Am 10. September fiel der Strom dann erneut aus. Diesmal bestätigten auch die Stadtwerke, dass in der Wohnung kein Strom ankam. Eine Anwältin beantragte eine einstweilige Verfügung, der das Amtsgericht Witten schnell stattgab. Daraufhin lief der Strom wieder, allerdings erneut nur für kurze Zeit.

UnterstützerInnen willen Familie nicht allein lassen

Am 1. Oktober – inzwischen hatte der MieterInnenverein eine weitere Mietminderung mitgeteilt – saß die Familie plötzlich wieder im Dunkeln. Die Dahlheim-Gruppe hatte mittlerweile einen Anwalt beauftragt. Dieser behauptet, die einstweilige Verfügung sei nicht zugestellt worden. Die Anwältin der Mieter musste den Antrag vorübergehend zurückzigen.

„Ich habe immer gedacht: Das kann nicht sein. In Deutschland kann ein Vermieter einer Familie mit fünf Kindern nicht den Strom abstellen“, sagt die aus Afghanistan stammende Frau G., die in ihrem Leben schon viel Schreckliches erleben musste. „Ich habe Angst, der Vermieter kann alles machen. Ich fühle mich hilflos.“

. „Es ist einfach unanständig, wie dieser Vermieter mit der Familie umgeht, die das Gesetz nicht so gut kennt wie andere“, meint San Jola, ein junges Ratsmitglied der Wittener SPD. Er hat sich einem Unterstützerkreis für die Familie angeschlossen. SPD-Ratskollege Carsten Lampe pflichtet ihm bei: „Das hört sich für mich an wie Mobbing. Offenbar hat der Vermieter ein Problem damit, dass die MieterInnen ihr Recht fordern.“

„Einer der größen Fehler meines Lebsn war, bei Dahlheim eine Wohnungs anzumieten.“

„So ist es“, bestätigt Knut Unger vom MieterInnenverein Witten. „Dieser Vermieter hat schon zahlreiche Familien mit abenteuerlichen Forderungen und rechtlich äußerst zweifelhaften Methoden unter Druck gesetzt. Viele sind weggezogen. In dem Wohn- und Geschäftshaus gibt es erheblichen Leerstand. Das ist auch für den Standort an der Bahnhofstraße ein Problem. Für die Wohnungsversorgung und nicht zuletzt für die betroffenen Menschen ist es eine Zumutung.“

„Einer der größten Fehler meines Lebens war es, dass mein Mann und ich bei Dahlheim eine Wohnung angemietet haben“, sagt Frau G.