Moderne Zeiten bei Vonovia

Nicht nur in Witten, überall im Lande treibt der Wohnungskonzern VONOVIA MieterInnen mit „Modernisierungen“ in die Armut und zerschlägt Nachbarschaften. Aber der Widerstand beginnt sich zu organisieren.

ESSEN-KATERNBERG

In dem Arbeiterstadtteil Katernberg im Essener Norden kündigte die Vonovia im Winter eine Modernisierung  mit Fassadendämmungen, neuen Fenstern  und  Balkonerweiterungen an. Dafür will das Unternehmen die Mieten um bis über 200 Euro anheben.

„Bei unserer aktuell laufenden Mieterbefragung stellen wir fest, dass sich die Quadratmeterpreis von durchschnittlich 5,70€ auf weit über 8,00 € (Spitze 9,21 €) pro Quadratmeter erhöhen“, berichtet Petra Leonartz vom Mieternetzwerk  Essen-Nord. „Die angekündigte Miete wird nach unserem jetzigen Befragungsstand bei mehr als der Hälfte der BewohnerInnen zu einer Wohnkostenbelastung von mehr als 30 Prozent des Einkommens  führen, bei einigen sogar bei mehr als 50 Prozent.“

Die Betroffenen, darunter viele RentnerInnen und Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, wissen nicht, wie sie die erhöhten Mieten aufbringen sollen.  „Es gibt hier Arbeiterwitwen, die sollen von 1000 Euro Rente  700 Euro Miete bezahlen“, sagt Petra Leonartz. „Die haben schlaflose Nächte“.

„Das ist bereits der dritte Schub an Modernsierungen in Essen-Katernberg“, sagt Siw Mammitzsch von der Mietergemeinschaft Essen, einem Mieterverein im DMB. „Noch im letzten Jahr lagen die erhöhten Mieten bei unter 6 Euro pro Quadratmeter. Inzwischen sind es fast 8 Euro.“

In den Modernisierungen der Vonovia erkennt Mammitzsch  eine gezielte Aufwertungs- und Verteuerungsstrategie „Gentrfizierung“):  „Nirgendwo in  Essen gibt es noch genügend preiswerte Wohnungen, auf die die Leute ausweichen könnten. Einige ziehen jetzt nach Gelsenkirchen, von wo sich die Vonovia teilweise zurückgezogen hat.“

STUTTGART

In Stuttgart soll nördlich des Hauptbahnhofs  ein „Hochhaus“ mit 80 Mietparteien „modernisiert“ werden. Auch hier geht es unter anderem um eine Fassadendämmung, aber auch um unglaublich teure Modernisierungsmaßnahmen im Hausflur.  Nach Abschluss der Maßnahmen soll die Grundmiete einer Wohnung von 417 Euro auf 653 Euro steigen, – eine Erhöhung um 57 Prozent. Eine wesentliche Einsparung an Heizenergie ist nicht zu erwarten. Die angeblich möglichen Einsparungen betragen nicht einmal 16 Euro im Monat.

Es handelt sich um ehemalige Eisenbahnerwohnungen. Entsprechend leben auch hier viele ehemalige Bahnangehörige und ihre Hinterbliebenen.

In der Nachbarschaft werden Verdrängungs-Modernisierungen durch eine kommunale Milieuschutzsatzung verhindert. Aber ausgerechnet dieses und zwei benachbarte Hochhäuser wurden von dem Satzungsgebiet ausgenommen.  Die Folgen für die Betroffenen sind wegen der hohen Mieten in ganz Stuttgart noch dramatischer als im Ruhrgebiet.

Betroffene Mieter haben sich zu einer Mieterinitiative zusammengeschlossen.

Für Dienstag 8. Mai 2018, 18.00 Uhr rufen die „Mieterinitiative der Vonovia und ESG-Wohnungen vor vor dem betroffenen VONOVIA-Hochhaus in der Friedhofstr. 11 zu einer Protestkundgebung auf.

WITTEN-HEVEN

Auch in der Ruhrgebietsstadt Witten sind MieterInnen der Vonovia mit der Ankündigung einer drastischen Steigerung der Mieten konfrontiert. Nach Fertigstellung einer aktuellen Modernisierung in Witten Heven, will die Vonovia 7,36 €/qm verlangen. Bislang liegen die Mieten für die alten BewohnerInnen der ehemaligen Werkswohnungen aus den 60er Jahren bei 5 €/m².

Auch in diesem Stadtteil hat der lokale Mieterrat die BewohnerInnen nach ihrer zukünftigen Wohnkostenbelastung befragt. Auch hier drohen für Arbeiterwitwen mit kleiner Rente  und Familien im ALG II-Bezug besonders extreme Wohnkostenbelastungen, die das verbleibende Einkommen weit unter das Existenzminimum treiben.

„Aber auch wer ein regelmäßiges Arbeitseinkommen hat, muss bei Mieterhöhungen von 150 Euro und mehr auf Urlaub und Anschaffungen verzichten“, berichtet Knut Unger vom MieterInnenverein Witten. „Und auch Leute, die sich eine Eigentumswohnung leisten könnten, sehen nicht ein, dass  nach der  längst überfällige Erneuerung ihrer Wohnungen Mieten zahlen sollen, die weit über den Mietspiegelwerte für vergleichbaren Wohnraum liegen. Einige, die es körperlich und finanziell schaffen, ziehen aus, bevor das Umbauchaos beginnt.  Nicht nur ein paar besonders Arme haben schlaflose Nächte. Die ganze Nachbarschaft leidet.“

BEDROHTE NACHBARSCHAFTEN

Ob Witten-Heven. Essen-Katernberg oder Stuttgart: Zumindest für einen Teil der MieterInnen bestaht das Wohnen nicht nur aus vier Wänden. Man kennt sich seit langem, hat vielleicht früher beim gleichen Arbeitgeber  gearbeitet, hat hier  Kinder groß gezogen oder ist selber hier aufgewachsen.

„Wir helfen uns hier gegenseitig“, sagt Pia Runge vom Mieterrat Witten-Heven. „Ich unterstütze zum Beispiel eine kranke Nachbarin beim Einkaufen. Und die passt mal auf meinem kleinen Sohn auf, wenn ich morgens früh zur Arbeit muss.“

Viele ehemalige Werkwohnungsviertel sind alles andere als soziale Ghettos. Schichtarbeiter leben neben Bankangestellten, Arbeiterwitwen neben Alleinerziehenden, Kinderreiche neben Geflüchteten. Und zum Teil gibt es unter ihnen gewachsene Netzwerke. Wenn es zu Modernisierungen kommt, sind diese sozialen Netze bedroht.

„Die erste Reaktion der Leute ist Angst“, sagt Ingrid Marek, die in einem Arbeiterviertel in Bremen wohnt, das der Vonovia in die Hände gefallen ist. „Die ersten ziehen schon weg, wenn die Ankündigung ins Haus flattert.“

„Wie es den betroffenen Menschen geht, interessiert die Vonovia nicht. Denen geht es nur um die Rendite der Aktionäre“, bringt Siw Mammitzsch das Vorgehen des DAX-Konzerns auf den Punkt. „Man fühlt sich wie eine Nummer, die nur dafür da ist zuzahlen“, sagt Pia Runge. „Die entscheiden einfach über unsere Köpfe hinweg, wie unsere Häuser umgestaltet werden und was wir dafür bezahlen müssen.“

Nicht alle Menschen reagieren auf diese Bedrohung und Missachtung mit Flucht. Das nachbarschaftliche Netzwerk hilft standzuhalten. „Ein Teil der Leute  hält zusammen“, sagt Pia Runge, „wir  lassen uns nicht vertreiben. Wir kämpfen für unser Zuhause.“

MIETER IM WIDERSTAND

Zwischen  Bremen und Stuttgart sind neue Mieterinitiativen entstanden, die sich nicht aus ihrem Viertel oder in die Armut treiben lassen wollen. Sie verlassen  sich auch nicht auf Rechtsberater und Gerichte. Ihr Widerstand setzt nicht erst ein, wenn die Vonovia  nach Monaten Baustellenchaos eine horrende und undurchsichtige Mieterhöhung verschickt. Schon vorher veranstalten lokale Versammlungen, wenden sich an die Medien, schreiben offene Briefe an die Vonovia, legen reihenweise Härteeinwände ein, bitten PolitikerInnen um Unterstützung …  Und gelegentlich gelingt es ihnen sogar mit der Vonovia über Zugeständnisse zu verhandeln.

„Noch ist dieser Widerstand vereinzelt, zersplittert und unerfahren. Aber mit jeder neuen, noch teureren Modernisierungsmieterhöhung wächst die Bedrohung und schlägt die Angst bei immer Menschen in Wut um. Wenn es uns gelingt diese Wut in organisierten Widerstand zu übersetzen, kann die Vonovia ihre Pläne industrieller Massenmieterhöhungen einpacken“, meint Petra Leonartz.

„Die MieterInnen haben in allen Phasen der Modernisierung  Möglichkeiten die katastrophale Planung der Vonovia  offenzulegen und zu durchkreuzen“,  ergänzt Knut Unger. „Wir müssen  nicht warten, bis die Politiker endlich ihre Vonovia-freundlichen Mieterhöhungs-Gesetze ändern.  Wenn sich die Mieter vernünftig organisieren, kommt die Vonovia nicht darum herum, mit ihnen ernsthafte Verhandlungen zu führen. Die müssen runter von ihren überzogen Renditerwartungen und ihrem Wachstumswahn. “

Zur Hauptversammlung der Vonovia am 9. Mai hat Unger als Kleinaktionär einen Gegenantrag gestellt:

http://www.mvwit.de/gegenantrag-zur-hauptversammlung-2018-der-vonovia-se/

Die Dividendenausschüttung des Konzerns soll radikal beschnitten werden. „Eine halbe Milliarde Euro“, so Unger, „ können dann in die Verbesserung des Wohnungsbestandes investiert werden, ohne dass es zu untragbaren Mieterhöhungen  kommt und die Nachbarschaften zerstört werden.“