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Witten, Deutschland, 14.09.2008

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Verkauft und verschimmelt

Wie überall im Ruhrgebiet baut sich auch in Wittener Wohngebieten ein großer Reparaturstau auf. Finanzinvestoren und Immobilienspekulanten sehen in den Wohnungen ausschließlich Rendite-Objekte. Für Reparaturen, Modernisierungen, Service und Verwaltung geben sie möglichst wenig Geld aus.

Blickt man aus der Wohnung im fünften Geschoss des Annington-Hauses an der Holbeinstr. in Bommern aus dem Fenster, fühlt man sich in einen Kurort versetzt: grüne Hügel mit Fachwerkhäusern, eine großartige Aussicht über das Ruhrtal... Schielt man aber etwas zur Seite, kehrt Ernüchterung ein: schwarzer Schimmel macht sich in den Ecken breit und hat schon Teile der Zimmerdecke erobert.

So war es jedenfalls noch vor ein paar Monaten. Inzwischen hat die Anning-ton die Schäden überstrichen. Wieder einmal. Schon als Mieterin Katharina Schwabedissen mit ihren beiden Kindern 2002 in die 80qm große Wohnung einzog, die damals noch der Viterra gehörte, waren Schäden vorhanden. Der Vermieter versprach baldige Behebung. Aber nichts geschah. In mehreren Zimmern zeigten sich bald Schwarzschim-mel und Wasserspuren. Frau Schwabedissen minderte die Miete, forderte eine Behebung der Schadensursachen. Nach langer Zeit kam dann der Anstreicher. Eine Dachdecker besserte notdürftig eine schadhafte Stelle aus. Aber die Schäden kamen wieder. Die Mieterin minderte erneut - notdürftige Ausbesserungen folgten nach längerer Zeit . Mehrfach ging das so. Auch jetzt, wenige Wochen nach dem letzten Anstreicher-Einsatz, zeigen sich schon wieder erste Spuren des Mangels.

"Das einzige, was sich nach dem Kauf durch Annington hier verändert hat, ist der Verwalter. Der neue sieht besser aus", sagt Frau Schwabedissen, die freilich lieber eine besser aussehende Wohnung hätte. Trotzdem wohnt sie gerne hier, der Kinder wegen, die in den Anlagen draußen gut toben können. "In der letzten Zeit sind viele jüngere Leute mit Kindern hergezogen."

Der Mieterverein sieht - neben einer generell schlechten Wärmedämmung - schadhafte Bauteile und konstruktive Mängel als Schadensursache. Die in die Jahre gekommenen Gebäude bräuchten eine Grundsanierung mit Dacherneuerung und Wärmedämmung.

Zwei Stockwerke tiefer ist eine junge Familie erst vor zweieinhalb Jahren eingezogen. Schon im zweiten Jahr zeigte sich der schwarze Befall im liebevoll gestrichenen Schlafzimmer. Erst an den Fenstern, dann hinter den Schränken. Der Hausverwalter sagte zwar: "Das liegt nicht an Ihnen. Ich melde mich bis Weihnachten." Aber dann verging Weihnachten ohne Verwalter-Besuch und im neuen Jahr rückte die Familie die Schrankwand beiseite und renovierte alles gründlich. Ohne Schadensersatzforderung und Minderung. So wie es zahlreiche andere Mieter auch machen: kostenlose Instandsetzungsarbeiten für den Finanzinvestor.

Pfuscherei vergrault Mieter

An der Schulze-Delitzsch-Straße in He-ven zeigt sich ein ähnliches Bild: Schon zu Zeiten der Veba traten an den Werks-wohnungsblocks der Edelstahlwerke baulich bedingte Feuchtigkeitsschäden auf. Die Reparatur eines fehlerhaften Flachdaches musste von den Mietern erstritten werden. Später häuften sich in den alternden Gebäude die Schäden. Dann kam die Annington, die sich öffentlich rühmt, bei Reparaturen immer schnell zur Stelle zu sein.

"Die kommen zwar", sagt Frau Listing, die mit ihrem Mann seit 1974 in der Schulze-Delitzsch-Str. 50 wohnt, "aber dann wird immer nur rumgepfuscht. Immer wieder gibt es neue Probleme." Ein Beispiel von vielen: Seit längerem schon war ein Fenster in Wohnzimmer defekt, Wasser drang ein. Trotzdem wurde das Fenster nur notdürftig nachjustiert. Dann kam es im Sommer zu einem massiven Wassereinfall. Teppich und Möbel der Familie Listing wurden beschädigt. Erst nach mehreren Schreiben des Mietervereins und einer Mietminderung wurde das Fenster ausgetauscht. "Wir sind beide schwerbehindert und müssen nun allein das Zimmer komplett renovieren", beklagt sich Frau Listing. Die Annington verweigert die komplette Regulierung der Schäden, die nun wieder vom Mieterverein durchgesetzt werden muss.

Daneben kommt es immer wieder zu nassen Kellern. Ein Abflussrohr am Balkon ist schadhaft, die Heizung wird im Winter oft nicht richtig warm... Ein angenehmes Wohnen sieht anders aus. Längst hat sich der schlechte Service auch auf die Zusammensetzung der BewohnerInnen ausgewirkt. Neue Nachbarn kommen gehen. Das Zusammenleben klappt nur noch leidlich. Fünf von 24 Wohnungen stehen inzwischen leer. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass es mehr werden. "Für uns lohnt sich ein Umzug nicht", sagt Frau Listing trotzdem. "Die Wohnungen, die für uns in Frage kämen, sind auch nicht besser."

Mieter schippen Abwasser

Noch schwerer als bei den neuen Großvermietern haben es die Mieter vielfach bei kleineren Unternehmen, die vor ein paar Jahren ehemalige Sozialwohnungen von Viterra und Co. aufkauften, um sie in Eigentumswohnungen umzuwandeln. Wie andere, hatte auch die Bochumer Firma Burhenne dabei die Kaufbereitschaft der Mieter überschätzt. In der Hüttenstraße wurden von Burhenne nur 8 von 18 Wohnungen verkauft, fast ausschließlich an neue Bewohner. Die Mieter aber haben sich nun mit dem Desinteresse der Verwaltung herumzuschlagen.

Zwar wurden die Häuser oberflächlich gestrichen und mit neuen Eingangstüren versehen. Schon der Hausflur aber wurde vernachlässigt. Und vor allem beseitigte Burhenne, trotz Zusagen im Jahr 2005, nicht die Ursachen der wiederholten Keller-Überflutungen.

Am 19. und 26. Juli kam es nach starken Regenfällen zu einer großen Überschwemmung mit ekelerregenden Abwässern im Keller von Hausnr. 49. Der Vermieter war nicht zu erreichen. Nur weil eine Mitarbeiterin von Burhenne in der Nähe wohnt, wurde schließlich doch ein Handwerker gerufen.. Der stellte den Abfluss notdürftig wieder her und schließlich auch die Ursache fest: Abflussrohere sind vom Wurzelwerk früherer Bäume zugewachsen. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung reinigten die Mieter des Hauses den Keller in vielen Stunden Arbeit. Ein Dankeschön des Vermieters, gar einen freiwilligen Mietnachlass erwarten die Mieter sowieso nicht mehr. Einen Kostenersatz für die Arbeitszeit müssten sie rechtlich einfordern.

Ob das den Vermieter dazu bringt, die schadhaften Abflussrohre zu erneuern und den gegen Grundwasser unzureichend abgedichteten Keller trocken zu legen? Burhenne ist seit vielen Monaten nicht einmal in der Lage, Belege für die Heizölrechnungen vorzulegen. "Es ist nicht mehr schön hier zu wohnen", sagt Mieter Ernst Tietz.

Privatisierungs-Reste

Nur ein paar Straßen weiter, am Wannen, hat die Privatisierungsfirma Häus-serbau zwei besonders schlecht instand gehaltene Doppelhäuser nicht an Eigen-heimer verkaufen können. Zusammen mit den Wohnungen "Auf dem Höffken" landeten sie bei einer Briefkastenfirma mit Berliner Adresse.

Am Wannen sind schon von außen große Risse im Mauerwerk zu erkennen. Die Dachrinnen sind zugewachsen. Ein undichtes Dach wurde nur notdürftig repariert. Aus den nassen Keller dringt Feuchte nach oben. In den Wohnungen kommt es immer wieder zu starkem Schimmelbefall. "Manche Mieter tapezieren hier jedes Jahr neu", weiß man beim Mieterverein. "Aber nur ganz wenige mindern die Miete."

Offensive gegen den Reparatur-Stau

So kann es nicht weiter gehen. Unter den neuen Eigentümern drohen immer mehr Wohnungen in Witten zu verfallen. Der MieterInnenverein will deshalb in die Offensive gehen: Nicht nur in einzelnen Wohnungen, in den betroffen Gebieten insgesamt müssen die Schäden aufgenommen werden. Melden Sie sich deshalb beim Mieterverein! Gern führen wir auch Haus- und Nachbarschaftsversammlungen durch.

Knut Unger, MieterInnenverein Witten

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