MieterInnenverein Witten |
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Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik
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Witten, Deutschland, 10.08.2009Straßennamen: Schatten der VergangenheitNichts soll an die Naziverbrechen erinnernZwar schrumpft die Zahl der Wittener EinwohnerInnen, aber die Zahl der Straßen wächst – und mit jeder neuen Straße gibt es das Problem, wie sie heißen soll. In Heven und im Hammertal sorgte das für Konflikte und für kopfschüttelndes Staunen.Am Steinhügel entstand seit 2007 am Abhang zur Menkenstraße hinunter eine Einfamilienhaus-Siedlung. Der Bürger- und Heimatverein Heven schlug vor, die Erschließungsstraße nach der ehemaligen Zeche Hammerbank zu benennen, deren Kohle unter der heutigen Siedlung abgebaut worden war. Empört wehrten sich die Zuzügler gegen diesen Vorschlag – er erinnere sie an Kohle, an Dreck und Arbeit! Das empfanden sie als Zumutung. Die SPD-geführte Stadtverwaltung zuckte erschrocken zurück. Jetzt heißt das Sträßchen eben auch "Steinhügel".
Im Hammertal dagegen markieren SPD und Stadtverwaltung noch Stärke. Dort wird im Baugebiet "Im Röhrken" ebenfalls eine Einfamilienhaus-Siedlung errichtet. Die Firma Pleiger wollte in diesem ökologisch wichtigen Gebiet einen Teil ihres Grundbesitzes versilbern und setzte mit Hilfe der Stadtverwaltung das umstrittene Bauvorhaben gegen Proteste von Umweltschützern und Anwohnern durch. Sie wolle dort angemessene Häuser für ihre Angestellten errichten, begründete Pleiger das Bauvorhaben. Diesmal stammt der Vorschlag für die Benennung der Zufahrt vom Heimatverein Buchholz. Er schlug vor, den Weg nach dem ehemaligen Buchholzer Bürgermeister Oskar Knufinke zu benennen. Aber nun wehren sich nicht die Zuzügler, sondern die Firma Pleiger, über deren Grund die Straße führt.
Pleiger gegen Knufinke? Die Ablehnung der Firma Pleiger wird verständlicher, wenn man sich anschaut, wer der Firmengründer Paul Pleiger war. Pleiger trat 1932 in die NSDAP ein. Den Nationalsozialismus nutzte er zu einer einmaligen Karriere: Als Gauwirtschaftsberater ab 1933 fiel u.a. die "Arisierung" jüdischen Besitzes in seine Zuständigkeit. Nach der Entscheidung der NS-Führung, binnen vier Jahren einen Raub- und Vernichtungskrieg zu entfesseln, hatte Pleiger etliche hohe Führungsposten in der Wirtschaft inne. Sein Ziel jeweils: Das Optimum an Rohstoffen, Produkten und Leistungen für die Kriegswirtschaft herauszuholen. Seine beiden herausragenden Funktionen waren die des Vorstandsvorsitzenden der Reichswerke "Hermann Göring" und die des Vorsitzenden der "Reichsvereinigung Kohle". In der ersten Funktion war Paul Pleiger für die Vernutzung und Vernichtung durch Arbeit Tausender KZ-Insassen (KZ Drütte, KZ Mauthausen) verantwortlich.
Als "Kohlezar" setzte er es gegen die SS durch, dass sowjetische Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurden. Im heimischen Hammertal kümmerte sich Paul Pleiger mitunter höchstpersönlich um Zwangsarbeitende. Trotz seiner vielen Posten fand er noch Zeit, in der zweiten Septemberwoche 1942 in das Übergangslager Wuppertal zu gehen und sich unter den dort befindlichen ZwangsarbeiterInnen 18 junge Frauen für seine Fabrik im Hammertal auszusuchen. Insgesamt beutete Pleiger in Witten die Arbeitskraft von ca. 430 ZwangsarbeiterInnen aus. Arbeiter existierten für ihn bloß als abstrakte Arbeitskraft, nicht als Individuen oder als Mitmenschen. Hitler wusste, was er an Pleiger hatte. Er sagte nach Weihnachten 1941 im Führerhauptquartier: "Wenn ich sechs Generäle wie Pleiger hätte, wäre der Krieg längst gewonnen."
Wegen seiner Verbrechen wurde der Nazi-Industrielle Pleiger 1945 verhaftet und 1949 vom Nürnberger Kriegsverbrechergericht zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren verurteilt. Aber Pleiger wurde gebraucht: Schon im Januar 1951 wurde die ohnehin milde Strafe auf neun Jahre abgemildert und zwei Monate später kehrte Pleiger zur Freude der Buchholzer Bevölkerung ins Hammertal zurück. Pleiger trat in die CDU ein, war von 1970 bis 1983 Vorsitzender des Märkischen Arbeitgeberverbandes und wurde auch noch Präsident des Verbandes der Metallindustrie Nordrhein-Westfalens sowie der Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände Nordrhein-Westfalens. Wieder stand er energisch und konsequent gegen die Interessen der Arbeiterschaft.
Und dann kommen die Sozis daher und wollen den Weg ausgerechnet nach einem ehemaligen Bergmann benennen! CDU-Bürgermeisterkandidat Noske, früher SPD, distanziert sich vorsichtshalber schon mal von dem Namensvorschlag, den die CDU zunächst mittrug. Die SPD weiß nicht, wie ihr geschieht.
In beiden Fällen zeigt sich das Dilemma sozialdemokratischer Stadtplanung: Ökologie hin, Zersiedelung der Stadtränder her, werden Einfamilienhaus-Ghettos durchgesetzt, um zahlungskräftige Neubürger anzulocken. Adressen, die daran erinnern, dass es in dieser Stadt oben und unten gibt, dass Demokraten nach dem Krieg mühsam mit den alten Nazis ringen mussten und dass der heutige Wohlstand unter bitteren Entbehrungen von Wittener ArbeiterInnen mühsam erarbeitet wurde, sind unerwünscht. Redaktion, MieterInnenverein Witten | Rubriken |
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