MieterInnenverein Witten |
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Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik
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Witten, Deutschland, 21.04.2010Verkauft nicht die Seele Wittens!Teile des Stadtparks und der Kormarkt sollen privatisiert werdenIn Generationen geschaffene öffentliche Plätze, Parkanlagen und Gebäude bilden das Gesicht, das Gedächtnis, das Leben einer Stadt. In Witten aber wird aus finanziellen Gründen Schritt für Schritt alles verkauft, was die Seele der Stadt ausmacht. Nach dem Stadtbad und vielen historischen Gebäuden sollen jetzt sogar die als Standesamt genutzte Villa "Lohmann" samt Teilen des Stadtparks sowie der zentrale Kornmarkt privatisiert werden.Foto: Soll verkauft werden: Villa Lohmann am Stadtpark
Parkweg geht an Großvermieter Zum Beispiel die alte Villa am Parkweg 30, der ehemaligen „Parkgalerie“ ganz hinten im Stadtpark. Die letzte Bewohnerin wurde trotz zugesicherten Wohnrechts von der Stadt im letzten Jahr aus dem Haus geekelt. Dann wurde das vom ersten Oberbürgermeister der Stadt, Haarmann, 1888 errichtete Gebäude öffentlich zum Kauf ausgeschrieben. Der Wert für das verwinkelte und sanierungsbedürftige wurde auf 180.000 Euro geschätzt. Unter den InteressentInnen war auch eine Gruppe, die überlegte, aus dem Haus ein Wohnprojekt mit angeschlossener öffentlicher kultureller Nutzung zu machen, die den umliegenden Stadtpark einbeziehen sollte. Nach Besichtigungen und internen Beratungen erschien die Realisierung außerordentlich komplex. In der kurzen Frist der Ausschreibung war kein Konzept, geschweige denn eine Finanzierung, zu organisieren. Am Ende erhielt ein bekannter Wittener Großvermieter den Zuschlag, weil er mit Abstand den höchsten Preis bot.
In anderen Städten laufen solche Verkäufe etwas anders ab. In Berlin zum Beispiel, das finanziell auch am Ende ist, werden die städtischen Grundstücke nicht einfach an den Meistbietenden verhökert. Das Konzept für die zukünftige Nutzung spielt auch eine Rolle. Damit sollen Wohnprojekte eine Chance erhalten, sich gegen die schnellen & reichen Standardinvestoren zu behaupten.
Villa Lohmann: Stadtpark im Ausverkauf Mit Verkauf des Parkwegs 30 wurde ein zuvor öffentlich genutztes Gebäude mit hoher historischer Bedeutung samt einem kleinen Teil des Stadtparks privatisiert. Ein Tabubruch, vielleicht auch ein Testballon. Im nächsten Schritt geht die Stadt viel weiter. Nach Informationen des MieterInnenvereins aus unterschiedlichen Quellen wird bereits konkret darüber beraten, die Villa Lohmann, das jetzige Standesamt, samt Grundstücken zum Verkauf auszuschreiben.
Diese für die Entstehungsgeschichte Wittens außerordentlich bedeutende klassizistische Villa bildet mit dem für viel Geld wiederaufgebauten Haus Witten ein stadtbildprägendes Ensemble am Eingang der Stadt. Zusammen mit Teilen des Landschaftsparks, mit Blumenrabatten und Wegen bildet es auch die zentrale Eingangssituation zum Stadtpark, der ursprünglich der Park der Industriellen-Familie Lohmann war. Es wäre auch gestalterisch eine Schande, wenn die Villa samt mehr oder weniger großen Grundstücken aus dem Park herausgeschnitten, verkauft und eingezäunt würde.
Wie man hört, geht es der Stadt hier nicht mal um die Verkaufserlöse. Sie will die Villa wegen hoher Unterhaltungs- und Erneuerungskosten los werden. Was ist das für ein Umgang mit dem Erbe in der angeblichen „Kulturhauptstadt Ruhr“? Und was kostet der Umzug des Standesamtes samt Archiv? Ohne Bürgerbeteiligung zur Zukunft des Stadtparks sollte hier gar nichts beschlossen werden!
Kornmarkt: Büroblock statt Markthalle Es kommt noch doller. Wie bereits ausführlich in der Presse berichtet wurde, gibt es nach einem nichtöffentlichen Investorenwettbewerb für die Bebauung des Kornmarktes nur einen möglichen Investor. Dieser will den Platz vor der Johanniskirche mit privaten Bürogebäuden bebauen. Dies widerspricht allen bisherigen Zielen für diesen Platz.
Der jetzt noch als Busbahnhof genutzte Kornmarkt gehört zur historischen Keimzelle Wittens. Er ist seit eh und je ein öffentlicher Platz, der überwiegend auch der Stadt Witten gehört. Durch die Verlagerung des zentralen Busbahnhofes an den Hauptbahnhof wird der Kornmarkt für eine neue Nutzung frei. Dazu gab es seit vielen Jahren viele kontroverse Überlegungen. In einer „Planungszelle“ wurden mit BürgerInnen Vorstellungen entwickelt, die leider längst zu den Akten gelegt wurden. Zuletzt hatten sich unterschiedliche Ratsparteien die Errichtung einer „Markthalle“ auf einem neu gestalteten Platz gewünscht. Das Ergebnis des Investorenwettbewerbs enttäuscht nun auch diese Erwartungen.
Dieses Ergebnis hätte man vorher wissen können. Ein Investorenwettbewerb dient grundsätzlich nicht der freien Entwicklung von Ideen, sondern dem Verkauf von Grundstücken an einen Bewerber, der neben einem vertretbaren Konzept auch das nötige Kapital mitbringt. Wer die Grundstücke meistbietend verkaufen und dabei verdienen will, der kann Angebote nur von Investoren erwarten, die den Kaufpreis mit Gewinnaufschlag auch wieder einspielen wollen. Eine Markthalle in Witten, ein Platz, auf dem man sich kostenlos aufhalten kann, bringt diese Einnahmen nicht. Für zeitgemäße Büros in zentralster Lage hingegen könnte es in Witten eine gewisse Nachfrage geben. Wenn nicht, gibt es im Zweifel Bedarf bei der Stadtverwaltung. Das wäre dann die umstrittene Ratshauserweiterung auf Umwegen und zur Miete.
Markthallen sind auch in Frankreich meist nicht Privateigentum. Und sie funktionieren nur in prosperierenden Städten mit vielen Kunden für frisches Gemüse und hochwertigen Käse. Der Wittener Wochenmarkt könnte die Halle und den dazu gehörigen Platz nur zeitwillig füllen. Aber für eine „Markthalle“ ließen sich auch andere Mieter finden: Flohmärkte zum Beispiel, Tauschbörsen und je nach Konstruktion auch Konzerte und Veranstaltungen. Leider haben Standard-Investoren solche innovativen Ideen nicht auf Lager, und es ist damit auch kaum viel Geld zu verdienen. Eine rein private Markthalle ist völlig unrealistisch.
Einen öffentlichen Platz kann es sowieso grundsätzlich nur auf kommunalem Grund geben. Wer keine Überbauung mit Büros will, der muss auf den Verkauf des Kornmarktes verzichten. Solange kein Geld da ist, kann man den Kornmarkt provisorisch als Bürgerplatz gestalten. Später ließe sich ein Markthalle – das ginge auch in Leichtbauweise – vielleicht doch noch realisieren. Wenn der Platz verkauft und bebaut wird, ist es für alle zukünftige Entwicklungen zu spät.
Alternativen - Widerstand Auf der Liste möglicher Verkäufe stehen etliche weitere Objekte. Zum Beispiel die ehemalige Gerberschule in Herbede, Museumsgebäude an der Nachtigallstraße, die jetzige Stadtbücherei, denkmalgeschützte Kioske in der Innenstadt, die Sporthalle am Stadion, ein Vereinsheim an der Uferstraße. Mit dem Verkauf zentraler öffentlicher Plätze und Parkgrundstücke droht das Haushaltloch die öffentliche Identität der Stadt einfach zu schlucken.
Was erforderlich wäre, wäre ein klares Nein des Stadtrates zu diesen Zumutungen und eine klare Forderung an die Landesregierung, Fördermittel für die Rettung von wichtigen Plätzen, Parks und Gebäude bereit zu stellen, am besten in einem öffentlichen Immobilien-Fonds, der unter Bürgerbeteiligung auch neue Nutzungskonzepte entwickelt.. Das wäre ein wirklich zukunftsweisender Beitrag zur "Kulturhauptstadt".
Was jetzt vor allem Not tut, ist die Organisation von Widerstand gegen den weiteren Ausverkauf unserer Stadt. Zumindest gegen eine Büroüberbauung des Kornmarkts wäre ein Bürgerbegehren vorstellbar. Oder wie wäre es mit einem Bürgerbegehren für den Stopp aller Privatisierungen in Witten, so wie es bereits in Mülheim durchgeführt worden ist?
Knut Unger, MieterInnenverein Witten | Rubriken |
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