MieterInnenverein Witten |
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Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik
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Witten, Deutschland, 15.03.2010März 1920 in WittenVor 90 Jahren: ArbeiterInnenaufstand gegen den Kapp-PutschVor 90 Jahren befolgten die Arbeiterinnen und Arbeiter an der Ruhr in großer Anzahl den Aufruf der gewählten Regierung zu einem Generalstreik gegen den Putsch reaktionärer Freikorps. Am 15. März 1920 besiegten die bewaffneten ArbeiterInnen am Bahnhof Wetter das einrückende Freikorps Lichtschlag. Aus diesen Erfolgen entwickelte sich die "Rote Ruhrarmee", ein Volksaufstand, der das gesamte Ruhrgebiet erfasste, bevor er im Auftrag der wiedereingesetzten Regierung unter Mitverantwortung der SPD blutig niedergeschlagen wurde. Zum 90. Jahrestag erinnert MieterInnenRat daran, dass auch Wittener ArbeiterInnen eine wichtige Rolle in der Märzrevolution spielten.Während des gesamten Jahres 2010 werden wir im Ruhrgebiet mit der "Kulturhauptstadt Europa" konfrontiert sein. Das Spektakel findet auf den Ruinen der alten Industrien, auf den abgerockten Brachflächen und in den zu Museen umfunktionierten ehemaligen Fabriken statt. Diejenigen, die die Grundlage unseres heutigen Reichtums schufen, das, was das kulturelle Erbe des Ruhrgebiets prägt, fehlt fast völlig: die ArbeiterInnen, ihre Organisationen, ihre Kämpfe, ihr Leben. Wenn man im neuen Ruhrmuseum Zollverein genau hinschaut, findet man immerhin einen kurzen Schwarz-Weiß-Film. Er zeigt eine Szene aus der "Märzrevolution 1920". Heute weiß kaum noch jemand etwas vom Kampf dieser Männer und Frauen, nicht, wer sie waren, nicht, wofür sie kämpften. Zum 90. Jahrestag dieses Ereignisses erinnert MieterInnenRat daran, dass auch Wittener ArbeiterInnen eine wichtige Rolle in der Märzrevolution spielten und ihr Leben für die Utopie einer freien, nicht-kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft riskierten.
13. März 1920. Putsch in Berlin - Generalstreik in Witten Am 13. März 1920 putschten völkisch-reaktionäre Militärs unter der Führung von General Lüttwitz in Berlin gegen die demokratisch gewählte Regierung. Bevor sich Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) und sein Kabinett in Sicherheit brachten, riefen die Regierung zum Generalstreik gegen den Putsch auf. Als sich die Putsch-Nachricht in Witten verbreitete, fand eine große Demonstration in der Innenstadt statt, auf der der Generalstreik verkündet, ein Zentralrat und eine aus zwei Arbeiterkompanien bestehende Arbeiterwehr gebildet wurden. Eine davon, die sich "Karl Liebknecht" nannte, bestand hauptsächlich aus Hevener Arbeitern unter Führung von Leo Deba. Die Polizei wurde entwaffnet.
Der Streik wurde in ganz Deutschland befolgt, besonders konsequent im Ruhrgebiet, wo er nach zwei Tagen in einen bewaffneten Aufstand überging. Nach vier Jahren Krieg, ständig am Rande des Verhungerns, unter unvorstellbar schlechten Arbeits-, Lebens- und Wohnverhältnissen leidend hatte die große Mehrheit der Arbeiterschaft die Schnauze gestrichen voll. Sie folgte zwar dem Aufruf zum Generalstreik, aber die Sozialdemokraten hatten jede Glaubwürdigkeit verloren, weil sie nach der Novemberrevolution 1918 ein Bündnis mit dem Militär eingegangen waren und die Hoffnungen der Arbeiterschaft auf grundlegende soziale und wirtschaftliche Änderungen komplett verraten hatten. Weder waren die Grundstoffindustrien verstaatlicht, noch die Arbeitszeit verkürzt und schon gar nicht das Großkapital, das den Krieg herbei geführt hatte, entmachtet worden.
15. März 1920: Die Schlacht in Wetter Am 15. März 1920 fielen die ersten Schüsse. An diesem Montag stoppten Bahnarbeiter am Bahnhof in Wetter einen Zug, der Truppen des Freikorps Lichtschlag transportierte. Auf seinem Weg nach Wetter war der Militärtransport natürlich gesehen worden, Bahnarbeiter schlugen Alarm. Den Wetteranern gelang es, den Zug am dortigen Bahnhof zu stoppen, und als sie das nach Witten und Dortmund durchgaben, machten sich hunderte Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Weg. Sie umzingelten die Truppe in Wetter und als feststand, dass es sich um Unterstützer der Putschisten handelte, entwickelte sich ein Gefecht. Die Arbeiterschaft besiegte das Militär – zum ersten Mal in der deutschen Geschichte. Heute erinnert eine Tafel am Bahnhofsgebäude in Wetter an dieses denkwürdige Ereignis. Als die siegreichen ArbeiterInnen über Wengern zurück nach Witten zogen und hinter der roten Flagge den Bodenborn hinunter marschierten, sei der evangelische Pfarrer, der vor seine Kirche stand, vor Schreck tot umgefallen, behauptete einer der siegreiche Wittener Arbeiter später. In den Augen des Militärs herrschte im Raum Dortmund-Witten-Hagen nun "völlige Anarchie".
Die "Rote Ruhrarmee" Um weiteren Attacken des Militärs begegnen zu können, organisierte sich die Arbeiterschaft des Ruhrgebiets in der "Roten Ruhrarmee". Sie soll bis zu 100.000 Männer und Frauen umfasst haben. Bis zum 23. März wurde das Militär aus dem Ruhrgebiet vertrieben.
In den Zielen waren sich die Aufständischen nicht einig: Einige wollten lediglich die Weimarer Republik verteidigen und die Rechte der Arbeiterschaft ausbauen. Andere strebten eine sozialistische Räterepublik samt einer grundsätzlichen Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse an. Im östlichen Ruhrgebiet dominierte die reformistische USPD, die sich wegen der Unterstützung des Krieges durch die SPD von dieser abgespalten hatte. Einer ihrer wichtigsten Führer war der Bommeraner Lehrer Karl Stemmer. Im mittleren Ruhrgebiet war die KPD die treibende Kraft, und im westlichen Ruhrgebiet hatten die Syndikalisten die Oberhand.
Die Stadt hält den Atem an Währenddessen verlief das alltägliche Leben nicht nur in Witten erstaunlich normal dafür, dass eine Revolution im Gange war. Vom 15. bis zum 22. März bestand ein Alkoholverbot. Am 17. März wurden die Lebensmittel in den Geschäften beschlagnahmt, um die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten zu können. Zwar wurde gestreikt, aber das war damals nichts Besonderes, und die Polizei war entwaffnet, aber der Arbeiterrat arbeitete eng mit der Verwaltung zusammen, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Die aufmüpfigen Arbeiter versuchten noch nicht einmal, den völkisch-reaktionären Oberbürgermeister Otto Laue abzusetzen. Die Stadt hielt sozusagen den Atem an, weil es völlig ungewiss war, wie sich der Aufstand entwickeln würde. Höhepunkte des öffentlichen Lebens in den Tagen des Generalstreiks waren die Begräbnisse der in den Kämpfen gestorbenen Arbeiter.
Solch ein sorgfältig vorbereitetes Begräbnis fand am 23. März statt. Alle Geschäfte der Stadt blieben zu Ehren von sieben getöteten Arbeitern geschlossen. Ihre Leichen wurden in der Turnhalle des heutigen Ruhr-Gymnasiums aufgebahrt. Nach der Trauerfeier begleitete eine mehrere Tausend Köpfe zählende Menschenmenge die Särge zum evangelischen Friedhof an der Pferdebachstraße. Eine unübersehbare Zahl von Kränzen wurde niedergelegt. Am Grab sprachen der evangelische Pfarrer sowie Stemmer. Praktisch jeder Gesangsverein Wittens war vertreten und ehrte die Toten mit einem Lied. Die Grabstelle existiert noch heute, aber nichts erinnert an die Männer, die für den "Freiheitskampf in den Ruhrbergen" gestorben sind, wie Stemmer es formulierte.
Verhandlungen angestrebt Schon eine Woche nach dem Sieg in Wetter wandten sich die Wittener Arbeiter an Reichskanzler Bauer persönlich und baten ihn telegrafisch, zu Verhandlungen ins Ruhrgebiet zu kommen, um eine gütige Beilegung des Konflikts zu erreichen. SPD-Mann Bauer machte aber stattdessen lieber gemeinsame Sache mit den Militärs.
Weil die militärische Kraft der Regierung vorerst noch nicht ausreichte, musste sie sich auf Verhandlungen einlassen. Am 24. März 1920 einigten sich Teile der Aufständischen mit der Reichsregierung in Bielefeld auf das weitere Vorgehen. Die Arbeit sollte wieder aufgenommen, die Waffen nieder gelegt werden, dafür sollte der Arbeiterbewegung mehr politischer Einfluss zugestanden werden. Gesetzesverstöße, die bei der Abwehr des Putsches begangen worden waren, sollten nicht verfolgt und Gefangene frei gelassen werden. Die Regierung sagte zu, dass die Reichswehr bei Einhaltung der Vereinbarung nicht ins Ruhrgebiet einmarschieren werde. Einer der Delegierten war Lehrer Stemmer.
Der "Weiße Terror" Weil aber die Delegierten der Aufständischen in Bielefeld nur einen Teil der Arbeiterschaft vertraten und weil vor allem weder die Regierung noch das Militär ein ernsthaftes Interesse an einer friedlichen Einigung hatten, marschierte die überlegen bewaffnete Reichswehr ins Ruhrgebiet ein. Sie fiel über das Land her, die Soldaten mordeten, brandschatzten und vergewaltigten in einem unvorstellbaren Ausmaß. Sie verbreiteten systematisch Angst und Panik in der Arbeiterschaft. Man nannte das Vorgehen der Reichswehr den „weißen Terror“. Ihr Vorgehen wurde von einer Welle antisemitischer Angriffe und wüster Pogromhetze begleitet – kein Wunder, denn viele Soldaten trugen das Hakenkreuz am Helm. Mindestens 2000 Menschen wurden von der entfesselten Soldateska massakriert.
Die Wittener Arbeiterkompanien beklagten sehr hohe Verluste: mindestens 51 Menschen starben bei den verschiedenen militärischen Auseinanderstetzungen seit dem 15. März, etwa 15 von den 51, also etwa ein Drittel, wurde ermordet, ohne an irgendwelchen Kampfhandlungen beteiligt gewesen zu sein. Die meisten WittenerInnen starben in der Schlacht bei Pelkum am 1. April 1920, als die Rote Ruhrarmee versuchte, den illegalen Einmarsch des Militärs ins Ruhrgebiet aufzuhalten.
*** Frauen in der Roten Ruhrarmee Frauen kämpften zwar nicht mit der Waffe in der Hand, waren jedoch als Sanitäterinnen unmittelbar beteiligt. Wenn sie den Freikorps in die Hände fielen, drohte ihnen das Schlimmste. Zwei der Sanitäterinnen aus Witten sind namentlich bekannt: Katharina Pint und die erst 17-jährige Frau Waßmann aus der Crengeldanzstraße.
Katharina Pint, geborene Kiefer, kam am 13. Juli 1893 in Orscholz, Kreis Mettlach, im Saarland zu Welt. Ihr Vater war Schuhmacher, beide Eltern und auch Frau Pint waren katholisch. Wann sie Orscholz verließ und wann sie nach Witten gelangte, ist unbekannt. Sie scheint Krankenschwester gewesen zu sein. In Witten heiratete sie den nur wenige Monate älteren Michael Pint, der ebenfalls aus einem katholischen Schuhmacher-Haushalt stammte, und zwar aus Arzfeld in der Eifel. Die Ehe scheint kinderlos gewesen zu sein. Im März 1920 war Katharina Pint also fast 27 Jahre alt. Sie und ihr Mann waren sehr wahrscheinlich Mitglieder der USPD, und beide nahmen an den Kämpfen teil – er mit der Waffe, sie als Sanitäterin. Für den Kampf in Pelkum organisierte sie eine weitere Sanitäterin, die 17-jährige Frau Waßmann aus der Crengeldanzstraße. Gemeinsam mit den beiden Wittener Arbeiterkompanien fuhren die Frauen samt weiteren sechs Sanitätern per Zug nach Hamm, von wo aus es zu Fuß nach Pelkum ging. Während ihnen die Kugeln um den Kopf pfiffen und um sie her Granaten einschlugen, versorgten sie die Verwundeten. Nachdem sie von Soldaten des Freikorps Epp gefangen genommen worden waren, sollten sie mit den männlichen Sanitätern zusammen erschossen worden. Stattdessen sperrte man sie dann aber in den Keller der Pelkumer Sparkasse. Beide Frauen wurden mit einem Gummischlauch furchtbar verprügelt und sexuell zumindest belästigt, höchst wahrscheinlich aber vergewaltigt. Am nächsten Morgen gab es statt Frühstück wieder Prügel. Frau Pint wurde aus dem Keller geholt und vor dem Gebäude erschossen, wobei ihre gefangenen Mitkämpfer zuschauen mussten. Die Soldaten behaupteten, sie hätten bei ihr einen Revolver gefunden, den sie in ihren Unterrock eingenäht hätte – eine typische Lüge der Freikorps-Männer, für die die selbstbewusst auftretenden und selbständig handelnden Sanitäterinnen der Roten Ruhrarmee eine nicht zu ertragende Provokation ihres männlich-soldatischen Selbstverständnisses waren. Bei einer späteren Untersuchung stellte sich heraus, dass Frau Pint keinen Revolver im Unterrock gehabt hatte, sondern dass sie die Brieftasche eines Mitkämpfers bei sich trug, der standrechtlich erschossen worden war. Sie hatte ihm versprochen, seinen Eltern die Börse zukommen zu lassen. Ihr Todestag war Karfreitag, der 2. April 1920. Frau Waßmann wurde später vom Kriegsgericht Münster freigesprochen, weil sie noch minderjährig war. ***
Die Niederlage Reaktionäre Kräfte und Putschfreunde gewannen wieder Oberwasser, nachdem der Einmarsch der Reichswehr in das Ruhrgebiet begonnen hatte. Die beiden bürgerlichen Wittener Lokalzeitungen hetzten jetzt täglich gegen die Aufständischen und verbreitete Hasstiraden, Lügen und Horrorberichte. So hieß es beispielsweise, rote Banden, die sich durch Russen verstärkt hätten, zögen plündernd durchs Land und erschössen harmlose Leute.
Stockum wurde am 14. vom Freikorps Oberland, Witten am 19. April 1920 vom Freikorps Epp besetzt, obwohl hier alles friedlich geblieben und die Arbeiter die Waffen nieder gelegt hatten. Die Soldaten führten Hausdurchsuchungen durch und nahmen willkürliche Verhaftungen vor. Dem Parteisekretär der USPD in Stockum, August Biehl, drohten sie, den Bauch aufzuschlitzen.
Wer konnte, floh. Die Verhafteten wurden in das Sennelager gebracht. Dort vegetierten sie monatelang praktisch ohne Nahrung, ohne Matratzen und Decken. Die Gefangenen wurden mit Gummischläuchen geprügelt, was die Bewacher aus den Freikorps mit Rufen wie: "Schlagt sie tot! Stellt sie an die Wand!" begleiteten. Die Regierung hatte den Ausnahmezustand über das Ruhrgebiet verhängt, so dass die Gefangenen von extra eingerichteten Kriegsgerichten abgeurteilt wurden. Diese verhängten regelmäßig Todesurteile oder 15 Jahre Zuchthaus.
Keine Friedhofsruhe Die von der SPD und den Militärs gewünschte Friedhofsruhe kehrte dennoch nicht ein; zu miserabel waren die Lebensbedingungen, zu groß der Hunger. Immer wieder wurde von bewaffneten Räubern und Räuberbanden in Westfalen berichtet. Die SPD war im Ruhrgebiet völlig diskreditiert und verlor die folgenden Wahlen. Schon Mitte Mai 1920 folgten neue Streiks, die oft mit Ausschreitungen einher gingen. Der Kampfzyklus, der im November 1918 begonnen hatte, dauerte bis Ende 1923 an, als es auch in Witten noch einmal zu Hungerunruhen größeren Ausmaßes kam.
Was bleibt von der Märzrevolution und dem größten Arbeiteraufstand Deutschlands? Es bleiben die Gräber auf den Friedhöfen und einige wenige Gedenktafeln. Und es bleiben die Probleme, gegen die die Rote Ruhrarmee ankämpfte, denn mit ihrer Niederlage unterblieben tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Änderungen und der damalige status quo wurde dauerhaft gefestigt. Aber davon will die "Kulturhauptstadt Europas" nichts wissen. RK, MieterInnenverein Witten | |
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