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Witten, Deutschland, 10.08.2009
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Wohnungsnot und Kommunalpolitik: Die 20er Jahre in Witten
Nach Kriegsende und Novemberrevolution war den Regierenden in Staat und Stadt bewusst, dass schnell mehr getan werden musste, um das Wohnungselend zu vermindern. Sei es, um der Ausdehnung der revolutionären Bewegung vorzubeugen, sei es, um die eigene Klientel zu versorgen.
Der deutsch-nationale, anti-demokratische und erzreaktionäre Oberbürgermeister Otto Laue sorgte im Einvernehmen mit der Wittener Sozialdemokratie dafür, dass nach dem Ende des ersten Weltkriegs schnellstens neuer Wohnraum geschaffen wurde. Die Pläne für die Errichtung der Siedlung Witten-Ost lagen fertig in der Schublade. 1919 wurde mit dem Bau begonnen.
Ferner setzte die Stadt eine Wohnungsbeschlagnahme-Kommission ein, die das Recht hatte, leerstehende Räumlichkeiten für Wohnzwecke zu beschlagnahmen oder Mieter in große Wohnungen einzuweisen, die nur von ein oder zwei Personen bewohnt wurden. Die Mieteinigungsämter wurden zu Orten des Kampfes zwischen MieterInnen, Vermietern und der Kommune.
All dies änderte an der katastrophalen Wohnungsnot nichts. So benötigten etwa im Juni 1919 noch rund 600 Familien eine Wohnung, d. h. waren obdachlos. In den folgenden Jahren ließ die Stadt auch ausrangierte Eisenbahnwaggons als Notwohnungen an mehreren Stellen der Stadt aufstellen. Die bekannteste Notsiedlung entstand am heutigen Haldenweg; sie hieß im Volksmund die "Bukowina" und wurde auch außerhalb Wittens als Ausdruck des Scheiterns kommunaler Wohnungspolitik angesehen.
Am 2. Dezember 1922 schrieb das sozialdemokratische "Volksblatt": "Die Wohnungsnot in Witten hat allmählich einen Umfang angenommen, dass ihr alle beteiligten Kreise fast ratlos gegenüber stehen." Die Wohnungssuchenden blickten "nahezu hoffnungslos in die Zukunft".
Zu Recht, wie sich herausstellte, denn im Mai 1927 waren ca. 10 Prozent der Wittener Haushalte obdachlos, weitere rund acht Prozent mussten in unzumutbaren Verhältnissen hausen, z. B. in Abbruchhäusern oder Kellern. Eine vierköpfige Familie musste beispielsweise in einer 7,5 Quadratmeter kleinen Dachkammer wohnen. Manche Menschen schliefen im Hausflur oder "wohnten" in der Waschküche. Nicht beheizbare Räumlichkeiten waren verantwortlich dafür, dass das neugeborene Kind einer Stockumerin im Februar 1929 in der Behausung erfror.
Ein anschauliches Beispiel für die Wohnungssituation Tausender WittenerInnen war das einer Fürsorgeempfängerin, die in einem ehemaligen Pferdestall an der Breite Straße (heute Kaufland) leben musste. Die Frau war krank, was ihr Arzt auf die Behausung zurück führte. Er berichtete: "Der Raum, in dem Frau S. haust, ist tatsächlich ein Wagenschuppen, etwa 8-9 m breit und 6-7 m tief; der Fußboden mit Backsteinen belegt; die beiden Fenster in etwa 2,5 – 3 m Höhe, ohne eine einzige Fensterscheibe; die Decke wird von dem Dach selbst gebildet; da die Südwand nur bis zur Traufhöhe ausgeführt ist, so bleibt zwischen ihrer Oberkante und dem Giebeldach eine große, dreieckige, ganz unversicherte Lücke, die eine unbehinderte Verbindung mit dem anstoßenden, offenen und von der Straße her zugänglichen Schuppen herstellt. Frau L., die Nachbarin, erzählte mir, dass Frau S. einmal des Nachts zu ihr im bloßen Hemde gelaufen sei, weil ein Mann durch die Lücke hatte einsteigen wollen."
Viele Angehörige des städtischen Proletariats in Witten, die unter der Wohnungsnot litten, griffen zur Selbsthilfe statt auf den Mieterverein zu vertrauen. Sie wehrten sich gegen die häufigen Zwangsräumungen, die meistens durch Mietrückstände entstanden, oder besetzten leer stehende Wohnungen. Vermieter wurden häufig körperlich bedroht, Handgreiflichkeiten waren an der Tagesordnung, manchmal mit Erfolg. Etliche Mieter weigerten sich angesichts der Verhältnisse, Miete zu zahlen. Wieder andere verschwanden bei Nacht und Nebel aus den "Wohnungen" ohne zu kündigen, usw. Die Klagen von Vermietern über Bewohner, die sich einfach in ihrem Haus "einnisteten" waren zahlreich. In einigen Neubauten, z. B. an der Rüdinghauser Straße, wurden bewaffnete Wächter engagiert, um Besetzungen zu verhindern.
Ende der 1920er Jahre wurden diese Auseinandersetzungen von den Folgen der beginnenden Massenarbeitslosigkeit und vom Kampf gegen den Faschismus überlagert. Die Wohnungsnot hielt jedoch an.
Redaktion, MieterInnenverein Witten
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