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Witten, Deutschland, 01.07.2006

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60 Jahre Arbeiterwohnen an Hardel und Wannen

Am Hardel und am Wannen steht die Nachbarschaft durch die Privatisierung der Häuser stark unter Druck. Rund 60 Jahre guter nachbarschaftlicher Beziehungen in der Werkssiedlung gehen zu Ende.

Die Hevener "Kolonie" des damaligen Gussstahlwerks Witten wurde ab 1921 am Wannen, am Fischertalweg und an der Billerbeckstraße errichtet. 1938 kamen weitere Häuser hinzu: Am Hardel entstanden zwei Häuser für kaufmännische (Hardel 2) und technische Angestellte (Hardel 4). Weitere Häuser (Hardel 6, 8, 10) wurden für Arbeiter errichtet.

Ähnlich wie in der "Krupp’schen Siedlung" am Harkortring in Annen spiegelten die Architektur der Häuser und die Ausstattung der Wohnungen die sozialen Schichtungen der Arbeiter, Angestellten und Chefs wider: Direktoren und andere leitende Angestellte wohnten in der Wittener Innenstadt, in großzügigen Bürgerhäusern oder Villen.

Angestellte, die so genannten "Werksbeamten", wohnten z.B. in Drei Könige oder eben im Hardel 2 und 4. Die Angestelltenhäuser im Hardel besaßen einen Hauseingang mit repräsentativer Haustür zur Straße, jede der vier Wohnungen verfügte über ein Wohnzimmer und eine Mansarde für die Kinder. Die Arbeiterhäuser hatten dagegen lediglich eine schlichte Hoftür nach hinten raus, ihre Wohnungen waren nur mit einer Wohnküche ausgestattet, die jede Nacht notdürftig für die Kinder zum Schlafen hergerichtet werden musste.

Zu den Arbeiterhäusern der Werkssiedlung gehörte ein Stall, wo die Arbeiterfamilien Karnickel, Ziegen oder auch mal ein Schwein hielten. So etwas passte nicht zum Status von Angestellten: Ihre Gärten waren ohne Stall.

Trotz der sozialen Segregation entwickelten sich gutnachbarschaftliche Beziehungen. Selbstverständlich litten sie unter den Folgen des Krieges: viele Männer waren ab September 1939 jahrelang fort und kehrten manchmal erst Jahre später zurück, wenn sie nicht gestorben waren.

In der Phase des "Wirtschaftswunders" und des Aufbaus in den 1950er Jahren konnte sich auch die Nachbarschaft wieder entwickeln: Aus Kindern waren Erwachsene geworden, die heirateten und nun selber Kinder hatten, so dass die Nachbarschaft wuchs und gedieh. Alle halfen allen, z. B. den alten allein stehenden Frauen: Einkaufen, Putzen, Waschen, Kochen, Schnee schippen... In den Gärten wurden Gemüse, Zuckerrüben und Tabak angebaut.

Der Tabak war Männersache. Das Wissen um seinen Anbau, die Fermentierung der Blätter usw. gaben die Männer untereinander weiter, genauso wie kleine Tabakpflänzchen von Mann zu Mann gingen. Die geernteten Tabakblätter wurden zum Trocknen in der Wohnung auf die Leine gehängt. Die Zuckerrüben wurden von den Frauen und Kindern angebaut und gepflegt. Sie brachten die Früchte im Herbst zur Mosterei Matros in der Breite Straße, wo Rübenkraut aus ihnen gemacht wurde.

Einige Zeit, nachdem seit den 1960er Jahren süd- und südosteuropäische Arbeitsmigranten aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Jugoslawien, der Türkei usw. nach Witten kamen und zu Arbeitskollegen im Werk geworden waren, konnten diese auch in die "Kolonie" ziehen. Sie wurde dadurch international, Gärten, Gerüche und Gewohnheiten veränderten sich. In den Hausgemeinschaften wohnten Mietparteien aller Herkunftsländer durcheinander. Völlig verschwunden war die frühere Unterteilung in Arbeiter- und Angestelltenhäuser. Die Nachbarschaft hielt diese tief greifenden Veränderungen aus, auch wenn es manchmal zu Konflikten und Streitigkeiten kam.

Ralph Klein, MieterInnenverein Witten

Heven

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