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Witten, Deutschland, 07.02.2003

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Als die Mieter noch Schweine jagten

Bewohner der Gussstahlsiedlung am Wannen erinnert sich

"Hier waren früher kein Badezimmer und keine Toilette. Die Küche ging bis hier hin", Herr Völker deutet auf eine Markierung an der Wand, "und der Flur war viel kleiner. Hier stand der Küchenofen. Die Toilette war hinter dem Haus und gebadet haben wir uns unten in der Waschküche."

Konrad Völker hat das Bild seiner Wohnung, wie sie vor dem Umbau war, noch deutlich vor Augen. Kein Wunder - es ist die Wohnung, in der er 1921 geboren wurde und in der er, mit einer Unterbrechung, heute noch lebt. Früher mit den Eltern und den vier Brüdern, heute ganz allein. Das Haus gehört zur Hevener Kolonie zwischen Billerbeck, Wannen und Auf dem Hee. Seine Familie bezog es kurz nach der Fertigstellung 1921. Es war Teil einer Arbeiterkolonie des damaligen Gussstahlwerks, die als Gartenstadt in der Nähe des Werks geplant war.

Das Gussstahlwerk Witten erzielte wegen des Ersten Weltkriegs außerordentlich hohe Profite. Es herrschte ein Mangel an Arbeitskräften, und es gab eine heute nicht mehr vorstellbare Wohnungsnot in Witten. Um die vorhandenen Arbeitskräfte an den Betrieb zu binden, legte das Gussstahlwerk ein eigenes Wohnungsbeschaffungsprogramm auf. Der Arbeiter sollte durch „gesunde Siedlungspolitik fest mit der Scholle und dadurch mit dem Werk“ verbunden werden, hieß es. Wohnungen für 500 bis 600 Familien sollten in Heven errichtet werden. Bis zu diesem Zeitpunkt besaß das Gussstahlwerk nur Wohnungen für einen verschwindend kleinen Teil der Belegschaft.

Für die geplante Kolonie erwarb der Betrieb von mehreren Hevener Bauern ein fast 100 Morgen großes Gebiet, denn der auf dem eigenen Werksgelände vorhandene Platz wurde zum Ausbau der Produktionsanlagen benötigt. Die Entfernung vom Mittelpunkt der geplanten Siedlung bis zum Tor 1 des Werkes betrug lediglich 900 m. Diese geringe Entfernung war sehr verkehrsgünstig, zumal zusätzlich die Straßenbahn Kolonie und Werk verbinden sollte. Neben wenigen Häusern für Werksbeamte waren in der Hauptsache Mietwohnungen für Arbeiterfamilien geplant. Ein Kindergarten, Spielplätze, ein Waschhaus und eine Konsumanstalt sollten für die BewohnerInnen zur Verfügung stehen. Jedes Haus sollte einen Gemüsegarten für die „Erzeugung des eigenen Bedarfs an Gemüsen und Kartoffeln“ und einen Stall für die Viehhaltung erhalten. Um die jungen Frauen in Haushaltsführung auszubilden, wollte das Gusstahlwerk sogar eine eigene Haushaltungsschule in der Kolonie einrichten. Ein siedlungseigenes Gasthaus sollte die Infrastruktur abrunden. Im Vordergrund der Planungen standen funktionale Aspekte, die Ästhetik trat in den Hintergrund. Die Kolonie sollte insgesamt einen schlichten, bodenständigen und natürlichen Eindruck erwecken.

Die Wittener Stadtverwaltung und die damalige Gemeinde Heven hatten ebenfalls Interesse am Bau einer solchen Kolonie. Heven und Witten beabsichtigten bereits seit längerem, das Dorf Heven nach Witten einzugemeinden. Witten besaß keine Möglichkeiten mehr, Bauland auszuweisen und Heven als kleines Dorf hatte auf längere Sicht keine eigene Entwicklungsperspektive. Im Fall der Hevener Kolonie wurden die damals häufigen Spannungen zwischen den Interessen der Industrie und den Gemeinden zur gegenseitigen Zufriedenheit vermieden. 1921 wurde Heven eingemeindet und die Stadt Witten erhielt dringend benötigtes Siedlungsgebiet.

Letztlich wurden in Heven aber nur 40 Häuser mit 112 Arbeiterwohnungen und acht Wohnungen für Werksbeamte errichtet. Die Gemeinschaftseinrichtungen wurden nicht verwirklicht.

Mieter und Mieterinnen waren dem Gussstahlwerk ausgeliefert. Die Miete wurde direkt vom Lohn abgehalten. Jede Entlassung führte auch zum Verlust der Wohnung. Andererseits war das Leben in der Kolonie nicht schlecht.

"Wir haben immer alle Schweine gehabt", erinnert sich Herr Völker. Familie Völker hatte sogar zwei. Die wurden das Jahr über im Stall gemästet. Die Kinder besorgten das Futter. Sie sammelten die liegen gebliebenen Ähren und sonstige Reste, etwa Kohlköpfe, von den Feldern. Kohl wurde in Heven viel angebaut, erzählt Herr Völker. Im November wurde das erste, Anfang Februar das zweite Schwein geschlachtet. Da kam der Metzger Linde mit seinem Gehilfen und schlachtete. Eine Flasche Schnaps war selbstverständliches Utensil beim Schlachten. Das Schwein wurde auf einer Leiter aufgehängt und am Haus aufgestellt. Der Veterinär kam zur Trichinenbeschau, das Schwein erhielt den Stempel und am nächsten Tag wurde im Kessel im Waschkeller Wurst gemacht.

"Einmal", erinnert sich Herr Völker lachend, "haute das Schwein einer Familie aus der Nachbarschaft ab und rannte den Hardel runter. Das war eine große Jagd."

Außer Schweinen wurden Karnickel und Hühner gehalten.

Heute sei es mit der Nachbarschaft nicht mehr so schön, resümiert Konrad Völker. Die Kinder spielen nicht mehr im Hof und die Alten sitzen kaum noch draußen. Tiere hat seit 30 Jahren niemand mehr in der Siedlung, obwohl die Ställe noch vorhanden sind. Ihm passt es nicht, dass immer mehr Gärten mit Stacheldraht eingezäunt werden: "Wer soll denn da klauen?"

Redaktion, MieterInnenverein Witten

West

Heven

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