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Witten, Deutschland, 26.03.2006

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Abschied vom Hotel Dünnebacke

Von der Ostseeküste ins Monteurs-Hotel

Als Wiebke Feierabend am Heiligabend 2005 das Hotel verließ, war ein für alle Mal Schluss: Das Hotel Dünnebacke hörte auf zu bestehen. Frühere Schließungen des bekanntesten und ältesten noch betriebenen Wittener Hotels waren lediglich von
vorübergehender Dauer gewesen. Nun will Immobilien-Besitzer Detaille in dem Gebäude mit der historistischen Fassade altengerechte Wohnungen einrichten.

Das imposante Gebäude in der Breddestraße 36 ist untrennbar mit der Geschichte der Ruhrstadt verbunden.

Witten hatte im 19. Jahrhundert eine rasante Entwicklung vom Ackerbürgerstädtchen zur industriellen Mittelstadt erlebt. Zwischen 1888 und 1898 brach ein regelrechter Bauboom über Witten herein – zu den 1199 Häusern, die 1887 in Witten bestanden, wurden noch einmal 423 neue gebaut. Es kamen nicht nur immer mehr Geschäftsleute als Besucher nach Witten, die eine standesgemäße, verkehrsgünstig gelegene Unterkunft wollten, sondern es hatte sich auch ein Bürgertum herausgebildet, das standesgemäße halb-öffentliche Orte suchte. Die Errichtung des Hotels im Jahr 1896 war eine Konsequenz. Das Hotel erhielt eine Fassade, die sich an holländischen und deutschen Renaissancevorbildern orientierte. Das Wappenbild auf dem Giebel deutete auf

das Restaurant im Gebäude hin.

Seitdem waren Hotel, Restaurant und der große Saal des Hotels weder aus dem Stadtbild noch aus dem gesellschaftlichen Leben des Wittener Bürgertums wegzudenken: Im Saal wurden rauschende Hochzeiten gefeiert, alkoholselige Betriebsfeste fanden

dort statt und mitreißende Tanzveranstaltungen. Das Restaurant suchten die Bürger jahrzehntelang auf, nachdem sie Sonntagmorgens eine Ausstellung im Märkischen Museum besucht hatten.

Im Oktober 1935 verhandelte der Wittener Unternehmer Arthur Imhausen dort mit der Firma Henkel aus Düsseldorf und hohen Nazi-Funktionären über den Bau der Deutschen Fettsäure-Werke in Annen, wo er „Fett aus Kohle“ herstellen wollte.

Politiker stiegen dort ab, wenn sie in Witten übernachten mussten, Vereinsvorstände trafen sich dort zu ihren Sitzungen, kulturelle und wirtschaftliche Konferenzen

wählten das Hotel Dünnebacke zum Ort ihrer Tagungen.

Aber auch unfreiwillige BesucherInnen wurden bei Dünnebacke einquartiert: Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkrieges in Witten schuften mussten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es mit der Herrlichkeit vorbei. Eine aus Schlesien geflohene Hotelier-Familie übernahm das Wittener Nobel-Hotel. Kundschaft gab es kaum noch, geschweige denn zahlungskräftige. Das Hotel verlotterte. Bis eines Tages im Jahr 1983 Wiebke Feierabend in dem herunter gekommenen Hotel übernachtete.

Die Gastronomin aus Schleswig-Holstein wollte eigentlich nur einen Bekannten besuchen, aber das Hotel gefiel ihr auf Anhieb so gut, dass sie morgens beim Frühstück die Pächterin fragte, wie man denn an so ein schönes Hotel komme. Ganz einfach, erfuhr sie: Wenn jemand die Ablöse bezahle, könne er das Hotel sofort

übernehmen. Und innerhalb kürzester Zeit verließ die selbstbewusste Frau die

Ostseeküste und führte ein Hotel in Westfalen. Die ganze Familie musste ran und renovierte das Hotel von Grund auf.

Weihnachten 1983 wurde die Küche neu gefliest, im ersten Stock wurden die Zimmer in Stand gesetzt, Wäscherei und Mangel im zweiten Stock ebenfalls, Erdgeschoss und Zimmer möbliert, die Wäsche in Schuss gebracht. Der Optimismus und die Freude, mit der die neuen Pächter zu Werke gingen, honorierte der Vater des jetzigen Besitzers damit, dass er die Fassade endlich neu streichen ließ.

Frau Feierabend öffnete ihr Hotel 24 Stunden am Tag. Sie stellte sich vollkommen auf die Bedürfnisse derjenigen ein, die nun in Witten übernachten mussten, und das waren in erster Linie Arbeiter auf Montage in Witten. Sie mussten sehr früh aufstehen, trugen keine Anzüge, sondern schmutzige Arbeitskleidung und kamen erst nach einem

sehr langen Arbeitstag wieder ins Hotel. Frau Feierabend sorgte dafür, dass sie sich wohl fühlten. Die Stühle im Frühstückszimmer waren bis zum letzten Tag mit Plastikschonern versehen, was in Hotels eher unüblich ist. Arbeiteten die Männer auf Nachtschicht, bekamen sie ihr Frühstück auf’s Tablett und konnten es mit ins Zimmer nehmen.

Nach und nach konnte sich Frau Feierabend so eine Stammkundschaft aufbauen. Der Preis dafür war, dass ihr privates Leben untrennbar mit dem Hotelbetrieb verbunden war.

Auch die Männer änderten ihre Bedürfnisse. War es zu Beginn noch üblich, dass sich zwei oder drei Monteure ein Doppelzimmer teilten, weil die Firmen auch nichts Anderes bezahlten, wollte irgendwann jeder sein Einzelzimmer. Weil Dünnebacke aber gar nicht so viele Einzelzimmer hatte, er hielten einige Gäste dann ein Doppelzimmer für sich allein.

Für eine Modernisierung nach neuzeitlichen Standards reichten die Einnahmen nicht aus. Lediglich 13 Zimmer mit Dusche und WC waren vorhanden, die anderen Zimmer verfügten lediglich über eine Duschkabine oder gar nur ein Waschbecken. Die 57 Betten in den 30 Zimmern des Hotels waren nicht einmal komplett ausgebucht.

Frau Feierabend beindruckt als genaue, teilnahms- und verständnisvolle Beobachterin ihrer Gäste. So konnte sie sich auf deren Wünsche einstellen, aber sie war dabei niemals unkritisch und beklagte, dass die Kundschaft großkotziger werde. Sie hätte das Hotel gerne noch bis zum Endspiel der Fußball-WM geführt, um dann zur Familie und zur Ostsee zurückzukehren. Aber der Besitzer Detaille ließ ihr keine Wahl.

Träume hat sie immer noch: Sie liebt das schöne Haus und hätte es gern in seiner ursprünglichen Form wieder hergestellt: Die abgehängten Plastikdecken

raus, die schönen Stuckdecken renoviert, den großen Saal wieder hinzu genommen

und auch das Restaurant mit dem Hotel vereinigt – aber für solche Pläne reichte das Geld nicht. Der Abschied von ihrem Hotel fällt ihr nicht leicht.

Redaktion, MieterInnenverein Witten

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