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Witten, Deutschland, 18.09.2006

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Altenheim im Villengürtel?

Die Herausforderung für Witten heißt sozialer Stadt-Umbau

Witten im Jahr 2020: Senioren mit dem nötigen Einkommen finden die Versorgungslage und das ruhige Wohnumfeld in der Innenstadt und einigen Stadtteilen so gut, dass für "Wohnen mit Service" immer höhere Preise gezahlt werden. Am Rande und außerhalb der Stadtteile besetzen Besserverdienende aus der ganzen Region attraktive Grundstücke. Witten, ein Altenheim, eingebettet von Familien-Villen. Witten, das Schlafdorf mit Ruhrblick im Speckgürtel des Reviers. Ist das die Zukunft?

"Weniger, älter, bunter..." werden wir in Zukunft, so lautet ein einschlägiges Schlagwort. Und daran schließen sich Fragen an: Wer bezahlt die Abrisse, wer die überdimensionierten Kanalnetze, die überflüssigen Schulen? Brauchen wir nicht ganz schnell Zuwanderer, am besten mit Geld und Kindern? Die Wirklichkeit ist viel widersprüchlicher.

Wieviel "weniger"?

Die Bevölkerung Wittens wird bis zum Jahr 2020 je nach Prognose von heute über 101.000 auf ca. 94.000 Einwohner zurückgehen. Das ist eine Herausforderung. Aber verglichen mit dem Bevölkerungsrückgang in anderen Städten ist es keine Katastrophe.

Bedenkt man, dass bislang der Verbrauch von Wohnfläche pro Kopf immer zunahm, rechnet man ein, dass Wohnungen zusammengelegt oder ohnehin abgerissen werden, ist nicht einmal sicher, dass der Wohnungsbedarf ohne Neubau gedeckt werden kann. Trotz schrumpfender Bevölkerung müssen in Witten bis 2020 etwa 500 - 1100 Wohnungen neu errichtet werden. So das von der Stadt mit dem "Masterplan Wohnen" beauftragte INWIS-Institut.

Aber das ist für 15 Jahre nicht viel. Einige Häuser werden auf Abrissgrundstücken entstehen. Zudem gibt es nach INWIS-Angaben bereits heute Bauflächen für gut 1000 Wohnungen. Allerdings ist nicht sicher, dass die Grundstücke auch tatsächlich bebaut werden. Und noch unsicherer ist, ob die neuen Wohnungen auch bedarfsgerecht und bezahlbar sind. Wenn, wie sich viele wünschen, Besserverdienende Schichten nach Witten gelockt werden, könnte es für die Ärmeren eng werden.

"Wir werden älter"?

"Unser Gesellschaft veraltet", lautet eine Standardaussage in den Medien. Nach einer Prognose des Wittener Statistikamtes aber wird die Zahl der Menschen ab 65 mit gut 21.000 erstaunlich konstant bleiben. "Wenn die älteren Menschen heute schon ausreichend mit Wohnraumversorgt werden, warum sollten sie es dann 2020 nicht auch?", möchte man fragen. Diese Schlussfolgerung wäre aber vorschnell. Denn erstens sind viele Wohnungen heute nicht altengerecht. Und zweitens ist alt nicht gleich alt.

Während die Zahl der 65 bis 75-Jährigen erst einmal deutlich zurückgeht, steigen vor allem die Kurven der über 75 und 85-Jährigen schnell an. Es müssen also zusätzliche seniorengerechte Wohn-Angebote entwickelt werden, bzw. bestehende Wohnungen seniorengerecht umgebaut werden.

Schnell zurück geht zunächst vor allem die Zahl der Grundschulkinder, (nicht: der Kindergartenkinder). Bald folgen dann auch Rückgänge bei den älteren Schulpflichtigen und Jugendlichen. Und damit wird es wohl zu weiteren Schulschließungen kommen.

Dagegen tut sich bei der Bevölkerungsgruppe der jungen Erwachsenen bis 35 erst einmal nicht viel. Diese Gruppe sucht geeignete Mietwohnungen.

Vielleicht findet sie sie dort, wo bislang die stark zurückgehende Gruppe der 35-45jähigen Wohnraum belegte. Da muss sie allerdings mit den Erwerbsfähigen ab 45 konkurrieren. Auch deren Zahl steigt erst einmal deutlich an.

"Wir werden bunter"?

Damit meint man im Allgemeinen den steigenden Anteil der MigrantInnen, die eine höhere Geburtenrate ausweisen. Auch in Witten ist das sicher so (Zahlen liegen nicht vor). Hinter dem "bunter" verbirgt sich aber nicht nur Multikulti: Ein Teil der Bevölkerung wird auch ärmer, jedenfalls so lange wir so viele Arbeitslose haben und neue Jobs hauptsächlich im Niedriglohnsektor geschaffen werden. Auch die Zahl der armen Alten wird steil nach oben gehen. Mit Sicherheit, wird eine große, Gruppe auf preiswerten Wohnraum angewiesen bleiben und muss vor Verdrängungen auf dem freien Markt geschützt werden.

Bunt heißt auch: die Lebensstille differenzieren sich weiter aus und führen zu sehr unterschiedlichen Wohnwünschen: Die einen wollen einen Loft, die andern überschaubare Kleinwohnungen mit Balkon. INWIS hat sich mit den Wohnwünschen im oberen Preissegment beschäftigt. Aber Mieterwünsche, auch im unteren Bereich? Dazu weiß die Stadt nichts. Wegen des Aufs und Abs in den Nachfragegruppen wird es vor allem darauf ankommen, die Wohnraumangebote flexibel zu halten. Und das bedeutet: Wohnen zur Miete.

Witten bleibt Stadt

Die Herausforderung besteht darin, die Spielräume der "schrumpfenden Stadt" dafür zu nutzen, dass die Wohnraumversorgung für alle Menschen gesichert und verbessert werden kann. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, dass die Stadtteile so gestärkt werden, dass eine ausreichende dezentrale Versorgung mit Einzelhandel, Schulen.. möglich bleibt. Das aber bedeutet, dass sich die Stadtentwicklung auf die bestehenden Siedlungsräume und Wohnungsbestände konzentrieren muss und nicht noch mehr Eigenheimen auf der grünen Wiese zulassen sollte.

So lange man die Armen, die frühzeitig vom Arbeitsmarkt Ausgegrenzten und die jungen Niedriglöhner nicht durch unterlassune Planung aus der Stadt vertreibt, wird Witten weder ein gediegenes Altenheim noch ein Villenvorort des Ruhrgebiets werden, sondern eine vergleichsweise durchmischte, soziale Stadt bleiben. Eine Stadt mit Industrie im Grünen Hoffentlich mit etwas gepflegteren öffentlichen Räumen, und einem Zentrum, indem etwas mehr los ist als heute.

Knut Unger, MieterInnenverein Witten

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