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Witten, Deutschland, 02.12.2011

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Stadtwerke setzen auf massenhaft Wasserstrom

Wie grün ist der Stadtwerke-Strom?

Die Stadtwerke überraschten im November mit der Ankündigung, ab dem 1.1.2012 den Privatkunden nur noch Ökostrom zu liefern. Automatisch und ohne Öko-Aufschlag. Der TÜV-zertifizierte Wasserstrom komme aus in "natürlichen bergigen Regionen" Norwegens gelegenen Wasserkraftwerken, sagte der Wittener Stadtwerkesprecher Thomas Lindner, der auch gleich ein paar erstaunlich-verdächtig runde Zahlen zur Hand hatte. Durch die Erhöhung des Öko -Strombezugs um 200 Mio. Kilowattstunden im Jahr würden 100.000 Tonnen CO2 eingespart. In Zukunft wolle man das Angebot auf Geschäftskunden ausweiten.

Haben die Stadtwerke, die Anfang des Jahres noch 23 % ihres Stroms aus Atomkraftwerken bezogen und über die Holding EWMR an neuen Kohlkraftwerken in Hamm und Lünen beteiligt sind, doch noch die Forderungen und Proteste der Atomgegner vom vergangenen Frühjahr erhört? Wollen sie zusammen mit anderen kleinen kommunalen Anbietern sowohl der Übermacht der Energieriesen trotzen als auch den zunehmenden Wechseln zu Öko-Spezialisten das Wasser abgraben?

Der Anti-Atom- und Klimaschutz-Aktivist Thomas Mertens hat für MieterInnenRat nachgefragt. Dies Antwort der Stadtwerke leiegt schriflich vor.

Der Bezug des Stadtwerkestroms wird demnach nach den Regeln von "TÜV-Süd Standard CMS 83" zertifiziert. Der Strom muss nach dieser Regel zu 100 % auf "eindeutig beschriebenen und identifizierbaren Quellen" erneuerbarer Energie zurückgeführt werden. Der Anbieter muss ein "Verfahren zur kontinuierlichen Überwachung und Sicherung der Erzeugung und Abgabe" des Stroms nutzen.

Es gibt Zertifikate, die strengere Standards vorschreiben. Aber die Stadtwerke beteuern, dass die Strommenge aus norwegischen "Laufwasserkraftwerken" (keine Speicher) tatsächlich "physisch ins Netz eingespeist" werden und dass die von den Stadtwerken bezogenen Strommengen beim Produzenten "entwertet" werden, also nicht mehrfach verkauft werden können.

Andere Öko-Strom-Zertifikate verlangen aber zum Beispiel, dass der gesamte Gewinn in den Ausbau der regenerativen Energiegewinnung reinvestiert wird. Die Stadtwerke sagen, auch ohne Öko-Siegel seien sie längst dabei. Die eigenen Photovoltaik-Anlagen hätten mittlerweile eine Leistung von 200 Kilowatt, was bei einer Stromabgabe der Stadtwerke von jährlich 330 Mio. kWh freilich nicht mal im Promillebereich zur Energieversorgung in Witten beiträgt. Auch der erwartete Strombezug aus der Windanlage in Borkum, an der die Werke beteiligt sind, in Höhe von 15 Mio. kWh ist kaum der Rede wert. Und bei den 30 Mio. kWh Biogas, das überwiegend aus Mais-Monokulturen in Niedersachsen stammen soll, ist die Nachhaltigkeit fraglich.

Da ist es sehr viel bedeutsamer, dass sich durch die neuen Verträge der "Strommix" nach Stadtwerkangaben um ca. 200 Mio. kWh zu Gunsten der "Erneuerbaren" verbessern soll. Die Verträge laufen bis mindestens 2013. Dann, so versprechen die Stadtwerke erneut, soll auch der Ausstieg aus dem Atomstrombezug beim Gewerbestrom geschafft sein.

Ein Kriterium, mit dem die Stadtwerke nicht glänzen können, ist die Nichtbeteiligung an Unternehmen der fossilen und atomaren Energiewirtschaft. Aber: Wenn Stadtwerke auf einen Schlag bei der Versorgung vieler Tausend Kundinnen auf Ökostrom umsatteln, geht es nicht mehr um die Bedienung einer Öko-Nische. Die Masse der Strom-Wechsler bringt viel mehr Entlastung für die Umwelt als das Streben nach Perfektionismus einer kleinen Minderheit.

Wenn die Zahlen zum Wechsel auf Ökostrom stimmen und auch auf Dauer eingehalten werden, ist dies für den Klimaschutz in Witten ein großer Schritt nach vorn.

Das kurzfristige Anliegen der AKW-Gegner aus dem letzten Sommer, die lediglich einen Atomausstieg ohne zusätzliches Kohlendioxid forderten, scheint erst einmal umgesetzt. Da die Stadtwerke ja auch soziale und kommunale Aufgaben haben, möchte man ihnen wünschen, dass sie so weitermachen.

Gleichwohl ist auch weiter Kritik angebracht.

- Es ist bei den Stadtwerken keineswegs garantiert, dass die Stromgewinne tatsächlich in den Ausbau der erneuerbaren Energien investiert werden. Auf diesem Gebiet geschieht in Witten außedem viel zu wenig.

- Es gibt keine dauerhafte Verbindlichkeit dieses Strombezuges. Steigt der Preis regenerativer Energien, könnte es auch zurück in den Kohlestrom gehen.

- Die Stadtwerke haben keine Ziele und Kontrollen zur Erreichung von Klimaschutzzielen festgesetzt.

- Vor allem aber sind die Stadtwerke – ob sie nun daran verdienen oder nicht – weiterhin an der fossilen Energieindustrie beteiligt.

Knut Unger, MieterInnenverein Witten

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