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Witten, Deutschland, 30.09.2007

Neue Nachbarschaften - Wohnprojekte für Witten

Ob Mehrgenerationen-Wohnen, Frauen-Wohnprojekte oder der Zusammenschluss bauwilliger Familien zu Baugruppen: Alternativen zum vereinzelten Wohnen in Bauprodukten "von der Stange" sind in aller Munde. Gute Nachbarchaften stehen hoch im Kurs. Der MieterInnenverein will erreichen, dass diese Thema in Witten besser verankert wird.

Wie viele Umfragen zum Wohnen zeigen, ist den meisten Menschen eine gute Nachbarschaft außerordentlich wichtig. Was darunter verstanden wird, ist unterschiedlich. Manche bevorzugen tolerante Nachbarschaften "auf Abstand", die ein Auge auf das Umfeld werfen, aber sich nicht in die Privatsphäre einmischen. Andere möchten in wirklichen Gemeinschaften leben, in denen man gemeinsam die Freizeit gestaltet und sich gegenseitig hilft. Vor allem wenn man alt wird und nicht mehr so gut kann, ist Vereinzelung für viele ein Albtraum. Aber auch wenn man Kinder hat, ist eine gute Nachbarschaft, sind Freunde, die in der Nähe wohnen, eine Hilfe im Alltag. Ob eine gute Nachbarschaft entsteht oder nicht, hängt vor allem von den Nachbarn selber ab. Aber auch Bauwirtschaft, Stadtplanung und Vermieter haben großen Einfluss darauf, ob gute Nachbarschaften begünstigt oder erschwert werden.

Nachbarschaften unter Veränderungsdruck
In Witten gab und gibt es traditionell viele funktionierende Nachbarschaften in den Stadtteilen. Aber diese sozialen Zusammenhänge stehen unter Verän-derungsdruck. Die Arbeitnehmer der alten Industrien zum Beispiel hatten lange Zeit ähnliche Lebensstile und lebten häufig in Werkssiedlungen zusammen. Das hat sich stark verändert. Menschen mit völlig andere Herkunft und Lebensstilen zogen in die Siedlungen. Dann kamen die Privatisierungen, verdrängten viele Mieter und machten aus reinen Mietersiedlungen Eigentumsblocks, in denen jetzt kleine Eigentümer und Mieter lernen müssen, miteinander auszukommen.

Wer nach Alternativen sucht, steht alleine da
Viele Menschen sind unzufrieden mit ihrer Nachbarschaft. Mal ist sie ihnen zu intolerant, mal zu gleichgültig. Als Mieter, aber auch als Bauwilliger, hat man selten Einfluss auf die Gestaltung seiner Nachbarschaft. Beim Mieter-Innenverein Witten melden sich immer wieder Menschen, die anders wohnen wollen: gemeinsam mit Freunden in einem Haus oder wenigstens in einer Straße, in der die Kinder ihre Freunde zu Fuß besuchen können. Überall wird auch über Mehrgenerationenwohnen geredet, das Zusammenleben von Jung und Alt. Auch in Witten gibt es Gruppen, die innovative Wohnformen anstreben, die zum Beispiel auch Behinderte integrieren. Viele scheitern an den hohen Hürden und den Kosten. Offizielle Unterstützung gibt nicht, eine Anlaufstelle sucht man vergebens.

Zögerlich nähern sich die Wohnungsunternehmen dem Thema Mehrgenerationenwohnen. Aber der Bedarf ist viel größer. Im Neubau wurde und werden in Witten fast ausschließlich entweder teure Einzelgrundstücke angeboten, oder Bauträger stellen Häuser von der Stange her. Auch in diesem Fall haben die Bewohner/innen nur wenig Einfluss auf ihre zukünftige Nachbarschaft, von der Gestaltung der Bauten einmal ganz abgesehen.
In vielen Städten wurde auf die neuen Bedürfnisse nach nachbarschaft-lichen Wohnformen inzwischen reagiert. In Freiburg zum Beispiel ist ein ganzer Stadtteil entstanden, der nur aus Bau- und Wohnprojekten besteht. In Hamburg werden Wohnprojekte seit langem offensiv gefördert. Viel Beratung und Unterstützung für Baugemeinschaften gibt es auch in Stuttgart oder München. Etliche Erfahrungen liegen auch im Ruhrgebiet vor, zum Beispiel im benachbarten Dortmund. Aber Witten? 80 ha Bauland für Wohnungen werden für den neuen Flächennutzungsplan vorgeschlagen. Fast alles im Eigentum, fast alles durch Bauträger zu entwickeln.

Nun ist es dem MieterInnenverein Witten gelungen, in der Diskussion um den "Masterplan Wohnen" das nachbarschaftliche Wohnen zum Thema zu machen. Für die Umsetzung müsste die Stadtplanung freilich gründlich umdenken. Und dafür bedürfte es einer breiten Lobby.

Nachbarschaftsbörse für Wohnungssuchende
Im Wohnungsbestand würde es darum gehen, dass sich die Wohnungsanbieter für die Bedürfnisse von Gemeinschaften öffnen. Dann würde es auch Sinn machen, dass sich Wohnungssuchende gemeinschaftlich organisieren. Ein erster Schritt wäre die Herstellung von Kontakten, die Überwindung der Vereinzelung der Wohnungssuchenden, zum Beispiel durch eine besondere Börse im Internet. Beispiel: „In Ystraße würde die Wohnungsgesellschaft X in den nächsten Jahren vorrangig an Haushalte mit Kindern vermieten, die untereinander in Kontakt stehen. Für unsere gemeinsame Zukunft im Quartier suchen wir noch Menschen, gerne alleinerziehend, die Kontakt zu Nachbarn haben wollen aber auch die jetzigen Bewohner respektieren.“

Selbstbestimmte Baugruppe statt Bauträger
Ob Miete oder Eigentum: Neubauten wurden in Witten bislang fast immer ohne Beteiligung der späteren Bewoh-nerInnen geplant und errichtet. Wenn es der Bauträger nicht tut, wird nicht darauf geachtet, welche Wohnbedürf-nisse und auch Bauwille vielleicht in unmittelbarer Nachbarschaft bestehen. Die frühere Neubaupolitik hat sich an einem abstrakten Bedarf orientiert, die heutigen Planungen richten sich an die Nachfrage von Bauträgern, die ihre Produkte nach rein wirtschaftlichen Kriterien ausrichten. Im Ergebnis drohen Bauflächen für Maßnahmen geopfert zu werden, die keine Verbesserung für den Stadtteil bringen, nicht in die bestehenden Nachbarschaften integriert sind und Bewohner anziehen, die sich für ihr Umfeld nur wenig interessieren.

Ein erster Schritt, das zu ändern, wäre die Schaffung eines Vorkaufsrechts für Baugruppen beim Verkauf städtischen Baulandes. Eine Baugruppe ist im einfachsten Fall einfach ein Zusammenschluss von Bauwilligen, die zwecks Kostenersparnis eine gemeinsame Projektentwicklung betreiben, Architekten beauftragen. Sie treten dabei aber als Auftraggeber und nicht nur als Abnehmer der Wohnungen auf. Deshalb können sie viel mehr Einfluss auf die Gestaltung nehmen. Bundesweit gibt es inzwischen zahlreiche derartiger Baugruppen. In Witten könnte als erstes Baugrundstück eine städtische Fläche am Erlenbruch in Rüdinghausen solchen Baugruppen befristet angeboten werden. Hier liegt ein Aufstellungsbeschluss des Stadtrates vor. Es ist ein Grundstück für etwa 6-8 Reihenhäuser.

Flächen für Wohnprojekte
Je nach Vorlieben und Bedürfnissen der Bauleute können auf dem Wege der Baugruppe auch alternative Projekte entstehen, die zum Beispiel besonders viel Energie einsparen, die autoarm sind oder gemeinsam nutzbare Freiräume vorsehen. Solch ein Projekt mit viel Extragewinn für den Denkmalschutz und den ganzen Stadtteil schlägt eine Bürgerinitiative in Rüdinghausen vor.
Auch auf den städtischen Grundstücken an der Westfeldstraße in Annen könnten Häuser entstehen, die von BewohnerInnen in Annen nachgefragt und beauftragt werden.

Gut für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt für Menschen mit durchschnittlichem Einkommen eignen würde sich auch ein Teil der städtischen Fläche am Fischertalweg in Heven-Ost. Der Mieterbeirat Heven schlug eine Mehrgenerationen-Orientierung vor. In das Projekt könnten Bewohnergärten integriert werden. Das ist vielleicht auch interessant für Eltern der benachbarten Waldorfschule.

Der MieterInnenverein Witten will eine stadtweite Diskussion auslösen. Die Bereitschaft der Stadt, sich auf das Thema einzulassen, wird wachsen, wenn es gelingt Interessenten an den unterschiedlichen Projektideen zusammenzubringen und eine Lobby für Bauprojekte in Bewohnerhand zu bilden.

Zum Auftakt laden wir zu einer öffentlichen Abendveranstaltung mit Wolfgang Kiehle von der Wohnbund-Beratung NRW ein:

Neue Nachbarschaften für Witten
Do 25. Oktober, 19:30 Uhr
Haus Witten, Ruhrstraße

Knut Unger, MieterInnenverein Witten

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