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Witten, Deutschland, 18.09.2006

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Elend im Reichtum

World Urban Forum in Vancouver

Vor 30 Jahren forderten die Regierungen bei der Habitat I-Konferenz im Kanadischen Vancouver erstmals ein "Recht auf angemessene Unterkunft". Im Juni 2006 sollte in der gleichen Stadt mit einer großen Konferenz, genannt "World Urban Forum", Geburtstag gefeiert werden. Aber zu feiern gab es nichts. Jeder dritte Mensch lebt inzwischen unter unwürdigen Bedingungen in einem "Slum". Millionen werden jedes Jahr aus ihren Wohnungen vertrieben.

"Wir haben schon viel Elend gesehen, aber nicht so viel Hoffnungslosigkeit", sagten Teilnehmer einer Delegation von Slum-Bewohnern aus Thailand. Sie waren schockiert von der Obdachlosigkeit in den Armutsvierteln des reichen Vancouver. Wenig entfernt fand in einem glitzernden Kon-ferenzpalast an der schicken "Waterfront" das "World Urban Forum" statt.

"Recht auf Wohnen jetzt", forderten ein paar Dutzend Vertreter von Menschenrechtsorganisation und Basisbewegungen bei einer Protestkundgebung der Habitat International Coalition (HIC) am Eingang des abgeschirmten Konferenzzentrums.

Miloon Kothari, Spezialberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf angemessene Unterkunft, beklagte in seiner Rede eine alarmierende Zunahme von Zwangsräumungen auf der ganzen Welt. "Sowohl in autoritären als auch in demokratischen Staaten werden ungezählte Millionen aus ihren Wohnungen vertrieben", berichtete Kothari. Bei vielen Entwicklungsprojekten, Stadterneuerungen und Slum-Sanierungen werden Menschenrechtsstandards verletzen. So wurden zum Beispiel in Harare/Zimbabwe unter dem Vorwand der Beseitigung illegaler und krimineller Strukturen 700.000 Menschen vertrieben. In Abuja, der Retorten-Hauptstadt von Nigeria, wurden seit 2004 über 800.000 Menschen aus informellen Siedlungen geräumt. Die "Bereinigung" von Slums in Indien hat mehrere Millionen Menschen vertrieben.

Aus allen Kontinenten waren Vertreter der Betroffenen anwesend, die Übergriffe von Regierungen, Konzernen und Großgrundbesitzern anprangerten. Nicht nur im "Süden".

Im kanadischen Ontario werden jährlich ca. 60.000 Menschen zwangsgeräumt, weil sie die exorbitant steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können, berichtete Michael Shapcott, Sprecher eines kanadischen Bündnisses. Anita Beaty von der US-Koalition gegen Obdachlosigkeit beklagte die zunehmende Kriminalisierung der Obdachlosen. Die organisierten Opfer des Hurrikans "Katrina" protestierten lautstark gegen die völlig unzureichende Unterstützung für die Rückkehr der Ärmeren nach New Orleans. Unter den Klängen einer Jazzkapelle und angeführt von einer Organisatorin aus New Orleans schlossen die Teilnehmer ihre Kundgebung mit einem traditionellen "Beerdigungs-Marsch" ab.

Auch bei Veranstaltungen der Nichtregierungsorganisationen innerhalb des Forums wurden Themen wie Zwangsräumungen und Privatisierung von Wohnraum diskutiert. Wichtige Punkte waren auch die Rechte der Frauen auf eigenen Besitz, die Notwendigkeit des gemeinschaftlichen Vorgehens bei der Verbesserung der Wasserversorgung in Afrika oder die Erfolge und Misserfolge der Basisbewegungen bei der Rückkehr in die Tsunami-Gebiete.

Doch bei Hunderten von Veranstaltungen wurden Privatisierungen als Allheilmittel dargeboten. Überall, auch z.B. in Indien, wird Erfolg bei der Entwicklung unhinterfragt an der Eigentümerquote gemessen, nicht daran, dass das Elend der Ausgeschlossenen gerade im indischen Wirtschaftsboom zunimmt.

In Fußweite vom luxuriösen Kongresszentrum konnte man in Downtown Vancouver die Segnungen der weltweiten "Hauseigentümer-Gesellschaft" life erleben.

Dort fressen sich touristisch aufgewertete Gebiete und teure Eigentumswohnungsblocks immer mehr in den alten Arbeiterbezirk. Zu Tausenden leben Obdachlose auf der Straße. Dicht an dicht drängen sich Behinderte, psychisch Kranke, Drogensüchtige samt ihren Habseligkeiten in den engen Gassen. Vor den Sozialzentren bilden sich schon in der Nacht lange Schlangen von Menschen, die Unterstützung bei ihrem Sozialhilfeantrag brauchen.

"Erst die Niedriglohnpolitik und die Einfrierung der Sozialleistungen bei steigenden Preisen. Dann die Einstellung des sozialen Wohnungsbaus trotz massiver Zuwanderung. Das hat die Situation in den letzten Jahren massiv verschlimmert", berichten ehrenamtliche Sozialarbeiter aus dem Viertel. "Bei der Winterolympiade wird wahrscheinlich wieder nichts Gutes für unser Viertel herausspringen."

Knut Unger, MieterInnenverein Witten

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